Was die Zeit uns Menschen ist

Die Zeit ist für Menschen elementar. Beständig ist sie den Menschen auf den Fersen und manchmal bemerken sie dies, aber meistens wird die Zeit einfach ignoriert. Mal behandeln die Menschen die Zeit, als gäbe es sie grenzenlos und mal, als wäre sie unersetzlich teuer. Beides ist kurzsichtig. Der Mensch ist ein vierdimensionales Wesen. Er denkt; und dies nicht nur bezogen auf das Hier und Jetzt, sondern er denkt auch vor und nach. Er plant zukünftige oder betrachtet vergangene Geschehnisse. Tatsächlich sind wir in Gedanken am meisten in der Zukunft oder der Vergangenheit. Befinden wir uns auf dem Weg zu irgendeinem Ereignis, das geschehen wird, so denken wir auf dem Weg dorthin an dieses, nicht aber daran, wie wir gerade laufen und wo wir eigentlich sind. Ist im Gegensatz dazu etwas in der Vergangenheit geschehen, besonders wenn wir es bereuen oder gut heißen mögen, also wenn es für uns Bedeutung hat, dann werden wir nicht müde es zu betrachten, bis uns die Gegenwart wieder einholt.

Die Vierdimensionalität ist bedingt durch eine hohe Sensibilität für kausale Abfolgen. Wir wissen dieses ist vor jenem geschehen, dann geschah dies und dann jenes. Wir befinden uns in dieser weiten Zeitspanne, die wir erleben. Wir rechnen nicht nur diesen Augenblick dazu, sondern noch etliche davor, die uns hierher gebracht haben. Wir wissen wo und weshalb wir hier sind und dieses ist eben die Zeit. Sie ist für uns Menschen diese kausale Abfolge.

Vierdimensional sein heisst leiden. Zu wissen, dass die Zukunft kommt und die Vergangenheit geschehen ist, zwingt uns ein in die Fesseln der rationalen Gründe und Kausalketten. Sie zwingt uns dazu, uns zu »verwirklichen«. Was auch immer diese Verwirklichung für das Individuum bedeuten mag – sie liegt in der Zukunft und hat ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Dass die Wurzeln in der Vergangenheit liegen, hat eine nicht unerhebliche Bedeutung. Wer wir sind, als was wir uns erstehen, hängt wesentlich von der Vergangenheit ab. Die Vergangenheit gilt als Hintergrund aus dem sich all unsere Eigenschaften speisen und unser zukünftiges Ideal der Verwirklichung liegt hinter einer unüberbrückbaren Distanz, die aus der Lücke zwischen dem aktuellen Ich als personifizierte Vergangenheit und der Verwirklichung besteht. Dabei gerät die existenzielle Tiefe unseres Daseins, die in verschiedenen Modi erfasst werden kann, häufig in Vergessenheit. Einer dieser Tiefen ist das Sein als pure Gegenwart, in welcher uns alles Seiende offenbar wird. Was den Menschen jedoch in all den verschiedenen Modi auszeichnet, ist der unüberwindliche Hang zur Ewigkeit, der sich auf vielen Ebenen des menschlichen Geistes bemerkbar macht, und der das Fundament für religiöse, spirituelle und philosophische Bestrebungen bildet.

Der Mensch ist also gespalten: er findet sich auf der einen Seite geworfen in die Vergänglichkeit dieser Welt und im Bewusstsein, dass jede seiner Verwirklichungen vorläufig ist und er niemals zu einem Abschluss, zu einem echten Höhepunkt kommen wird, nach dem hin er leben könnte, und auf der anderen Seite hängt sein denkender Geist immer an und in der Ewigkeit und es verlangt ihn nach Wahrhaftigkeit, nach Echtheit, nach Finalität. Die Zeit und mithin die Endgültigkeit des Todes umschattet uns Menschen unser Leben lang, geisterhaft schwebt die Zeit über unseren Köpfen und in den seltensten Momenten werden wir uns ihrer gewahr. Der Abschied ist ein solcher Augenblick. Der Abschied von einem Freund oder einer geliebten Person, der Abschied von einer schönen Zeit, die man hatte oder der Abschied von eigenen Überzeugungen; in all diesen Formen des Abschieds kommt eine tiefe Trauer zutage, die letztlich um die fehlende Finalität, um das fehlende Absolute kreist.

Doch wie kommt es, dass sich das Individuum in seinem Verwirklichungsprozess über die Vergangenheit definiert und die Vergänglichkeit (und damit die erwähnte existenzielle Tiefe, diese Ahnung von Ewigkeit) in Momenten des Abschieds so deutlich spürt? Warum bringt er das beides nicht in Zusammenhang? Normalerweise nimmt der Mensch die Abschiede hin und lebt weiter, als wäre nichts geschehen. In Wahrheit stürzt das den Menschen in ein großes Unglück, in eine weitere Spaltung, in welcher er verkennt, dass die Vergänglichkeit größere Realität besitzt als seine individuelle Verwirklichung. Der Mensch, der die Vergänglichkeit verkennt oder ignoriert, und ihrer nur in Momenten großer Sinnkrisen gewahr wird, läuft leicht Gefahr, unempfindlich für die existenzielle Tiefe zu werden und an seinem eigentlich Menschsein, in seinem ganzen Umfang, vorbeizuleben. Keiner kann das jedoch jemandem vorwerfen, denn der Hang zur existenziellen Tiefe setzt einen Drang zur Erkenntnis, eine Leidenschaft für die Erkenntnis voraus, die es überhaupt erst möglich macht, dass Erkenntnisse gewichtiger sein können, als individuelle Interessen.

Ich denke, sich der Zeit als kausale Abfolge ohne Gewahrsein zu übergeben, in den verschiedensten Ideen für die eigene Verwirklichung verfangen; darin kann es keine echte Freiheit geben, weil wir uns dann nur in Ketten von Ursache und Wirkung befinden. Wir befinden uns in Spaltung und Differenz, und dadurch können wir uns nicht mit uns selbst identifizieren. Freiheit von sich ist sichselbst-sein, was der Freiheit der individuellen Existenz gleichkommt. Und erst Freiheit ist die Grundlage für Transformation, sprich: individuelle Steigerung und damit für ein glückliches, geglücktes Leben und in der Breite auch: für eine bessere Welt.

Ein Gastbeitrag von Timotheus Böhme aka @_Nicht_Ich
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Notizen über den Standpunkt Ende

Jakob K.

Ewiges über das Ewige, das hätten wir gerne gewusst: Als wir Kinder waren. Ein Kind wohnt in der Ewigkeit – das wissen schon alle. Kinder haben keine Ahnung, wortwörtlich, da Nichts-Wissen und Ewigkeit zueinander ganz gut passen (deswegen Gott usw.). Aus der Ewigkeit herauszutreten ist so gesehen kein Verfall: Und Ewiges über Ewiges gehört nicht zum Wissen; zu nichts gehört es. Aus der Ewigkeit herauszutreten, das führt vielmehr zur Zeit. Und alles für uns gehört zur Zeit. Darüber hinaus: Nicht mehr das Ewige über das Ewige dürfen wir wissen wollen. In der Zeit ein zeitliches Wissen, das ist uns alles, et sic in infinitum.

Vor Kurzem habe ich eine besonders schöne Textstelle gelesen, aus den posthum erschienenen Notizen eines Romans, der nie vollendet wurde: Der Greis von Italo Svevo. Folgendes wird erzählt: Ein alter Mann, ein Greis, kehrt nach einem Ausflug nach Hause zurück. Im Auto sitzt er mit seiner Ehefrau; es ist April, abends, beim Sonnenuntergang oder kurz danach. Er ist müde und schläft ein. Als sie in die Stadt anfahren, in Triest, hält ein Stadtpolizist das Auto auf. Der Greis wird dadurch geweckt. Beim Erwachen sieht er blitzartig eine junge Frau, die durch den Straßenverkehr vorwärtskommt. Er denkt, dass er sie vor der Gefahr der Situation warnen muss – derart läuft man nicht über die Straße; aber in der Tat will er bloß zwischen sich und der Jungen eine Beziehung, eine Art Kontakt herstellen. Er kennt sie nicht, aber plötzlich – doch!, erkennt er sie, und winkt ihr mit einem Lächeln. Schüchtern reagiert sie darauf, bevor sie ihren Weg geht. Die Ehefrau des alten Manns fragt, wer das Mädchen sei. Das fällt ihm nicht ein; er überlegt und beim Nachdenken kommt ihm ein Bild der Erinnerung in den Sinn: Sie sei die Tochter von Dondi, einem alten Freunds seines Vaters. Die Frau im Auto antwortet mit einem plötzlichen, lauten Lachen: Du musst dich irren, sagt sie, jene Tochter von Dondi muss genau so alt wie du sein. Stimmt, sagt er, ich habe nicht daran gedacht; ich habe vergessen alt zu sein.

Aber nein, das war nicht der pathologische Irrtum eines alten Geistes, so sagt sich der Greis: Im Gegenteil: Jene junge Frau, die Tochter von Dondi, ist mir tatsächlich nie so nah gewesen wie jetzt. In jenem Garten, wovon das Erinnerungsbild zeugt, beachtete ich sie kaum. Ich übersah ihre Anmut und ihre Unschuld, aber nun habe ich sie erreicht, auch wenn die Anderen gelacht haben, als sie uns zusammen gesehen haben. Jedoch ist sie endlich zu ihrem Platz gekommen, die Jugend ist zu ihrem Platz gekommen. Als er sich der geistigen Bewegung bewusst wird, formuliert er die Wahrheit dessen, was geschehen ist: »Mit sicherer und grausamer Genauigkeit treibt die Zeit ihre Verwüstungen, dann vergeht sie in einer beständig geordneten Prozession von Tagen, Monaten, Jahren, aber wenn sie so weit gekommen ist, dass sie sich unserer Sicht entzieht, hiernach tritt alles aus dem Glied: Jede Stunde sucht ihren Platz in irgendeinem verschiedenen Tag und jeder Tag in irgendeinem verschiedenen Jahr. Und somit wird ein gewisses Jahr in der Erinnerung wie ein einziger, sonniger Sommer und irgendein anderes Jahr ist vom Schauder der Kälte durchdrungen. Und kalt und allen Lichts beraubt ist das eine Jahr, in welchem man sich an nichts an seinem wahren Ort erinnert: Dreihundertfünfundsechzig Tage, jeder von vierundzwanzig Stunden, tot und verschwunden. Eine echte Hekatombe«.

Man muss erinnern und gedenken, muss schreiben, darf das Vergangene nicht aussterben lassen: Hier geht es nicht um das konservative Bewahren einer immer stehenden, verfügbaren Gegebenheit – weil es eine solche nicht gibt, oder zumindest gäbe es sie nur und allein im Fall ihrer Wiederbelebung –, sondern um ebendiese Wiederbelebung, sonst wird die Vergangenheit, die Lebensgeschichte, »kalt und allen Lichts beraubt«. Gleichermaßen geht es nicht um ein rein individuelles Erinnern, als ob es das gäbe: Durch die Wiederbelebung des Vergangenen in der Gegenwart wird die Gegenwart geändert und wer schreibt kommt zu der Formulierung eines nicht nur, nicht mehr individuellen Satzes, denn die Notwendigkeit des schöpfenden Erinnerns wird festgestellt, sobald das Werk geschrieben wird. Nur so kann das Vergangene vor dem Gemetzel gerettet werden. Aber diese Rettung besteht nicht aus dem Sprung in die Ewigkeit, aus der Auferstehung des Toten: Der Lebensabend ist die Stunde, so denkt der Greis, in der sich Mephistopheles manifestieren könnte und mir die Jugend (die ewige Jugend) anbieten würde; ich würde sie aber nicht annehmen, ich würde sie verächtlich ablehnen. Die Versuchung der Ewigkeit nach dem langen, zeitlichen Weg des Lebens will er nicht: Aber aus dem Standpunkt des Endes eines Weges, einer Geschichte, sich erinnernd die Vergangenheit erneut erscheinen zu lassen, das ist das Einzige, das gewollt werden darf – und etwas Neues dadurch zustande kommen zu lassen: das Werk.

Ich komme jetzt zum Schluss. Philosophieren wir somit über die Zeit? Nein, wir philosophieren nicht. Die Philosophie will Begriffe, während die Zeit nicht nach Darstellung fragt, jedenfalls nicht primär. Die Zeit strebt nach ihrer Vollendung, welche nicht die Ewigkeit ist. Man muss aus der Ewigkeit heraustreten. Diese nicht außerhalb der Zeit, sondern in ihr sich ereignende, endliche Bewegung vollendet die Zeit, ohne ins Ewige zu springen. Die Vollendung der Zeit ist nicht die Ewigkeit, sondern ein blitzartiges Moment, wenn die vergessene Lebensgeschichte zu einer neuen, jungen, präzisen Wahrheit kommt und zu sich, sich ändernd wiederkehrt. Dieselbe Bewegung kann, diesmal schon, dargestellt und produziert, gleichzeitig zum Thema gemacht und ins Werk gesetzt werden: Virginia Woolf, Zum Leuchtturm: »Rasch, als riefe von dort irgendetwas, kehrte sie zu ihrer Leinwand zurück. Da war es – ihr Bild. Ja, mit all seinem Grün und den Blaus, den aufwärts und quer verlaufenden Linien, seinem Versuch, etwas zu werden. Sie blickte auf die Stufen; sie waren leer; sie blickte auf ihre Leinwand; sie war verschwommen. Mit plötzlicher Zielstrebigkeit, als sehe sie sie einen Augenblick deutlich vor sich, zog sie dort eine Linie, in der Mitte. Es war vollbracht; es war vollendet. Ja, dachte sie, als sie in äußerster Erschöpfung den Pinsel niederlegte, ich habe sie gehabt, meine Vision«.

Ende.

Ein Gastbeitrag von Giacomo Croci

Tendenz Identitätskrise – eine Polemik

Jeden Morgen hoffe ich, als Käfer zu erwachen, und dann bin ich doch nur dieser komische Mensch, der ich jeden Morgen bin. Dabei ist die Hoffnung, von einem Moment zum nächsten ein Anderer zu sein – oder etwas anderes, gar nicht so unbegründet. Wann sind wir schon ein und der selbe? Etymologisch gesehen, bewegt sich der Begriff Identität zwischen lateinisch idem – Gleichheit und ipse – Selbstheit – also zwischen dem Moment des Sich-erkennenden-Selbst und der Erkenntnis gleichbleibend zu sein. Aufgrund dieser Dialektik stellt sich Paul Ricoeur die Frage, welches Verhältnis von Gleichheit und Selbstheit dem Begriff Lebensgeschichte zugrunde liegt – denn die Erfahrung der körperlichen und geistigen Veränderung in Zeit widerspricht der Annahme, eine Person wäre vom Beginn ihres Lebens bis hin zum Tode die selbe. Entwicklung nennen wir das – man entwickelt sich von einem Wesen ohne Welt zu einem Wesen mit Welt. Entwicklung bedeutet in diesem Fall Veränderung in einem zeitlichen Kontext und betont den Menschen als Prozess an sich selbst. Zwischen Kindheit und Erwachsenenalter impliziert dieser Prozess neben der Ausbildung eines Verstandes und dem Einordnen in das soziale Gefüge, vor allem die rein körperliche Entwicklung – das Wachsen. Aber irgendwann auf dieser Linie gen Himmel sind wir ausgewachsen – und dann? Dann beginnt die Arbeit am Selbst – ich arbeite an mir, an meiner Beziehung – ich definiere mich neu, um, anders, zurück. Ja – vor 10 Jahren war ich noch ganz ein anderer. Und wenn wir über uns selbst sprechen, dann tun wir das nicht nur rein physisch in Zeit, sondern auch semantisch, indem wir uns in Zeit verorten – in Zeitpunkten, Abläufen, zeitlichen Ausschnitten – morgen, gestern, vor Jahren und bald. Und während wir so über uns sprechen – über diese vielen kleinen Ichs geteilt und verteilt auf dieser hübsch geraden Zeitachse – viele kleine Ichs, die sich beständig wandeln – entwickeln wir uns weiter, und weiter, und weiter. Aber wann – wann nur sind wir ausentwickelt? Zu Ende entwickelt oder endet dieser Zustand des hartnäckigen Umbruchs nie? Ja … irgendwie hat Ricoeur Recht: Die Identität krankt an der Zeit. Da kommt es mir gar nicht mehr so unwahrscheinlich vor, eines Morgens als Käfer zu erwachen.

von Sarah Berger

Photographie und Zeitlichkeit – eine Betrachtung

„Die Photographie hat das Subjekt zum Objekt gemacht […]“ schreibt Roland Barthes 1980 in seinen Bemerkungen zur Photographie. Er bezieht sich auf das photographische Porträt, in welchem er sich als Subjekt wahrnimmt, welches sich „Objekt werden fühlt: ich erfahre dabei im kleinen das Ereignis des Todes. […] Denn die Photographie ist das Auftreten meiner selbst als eines anderen: eine durchtriebene Dissoziation des Bewusstseins von Identität.“ Das Wesen der Photographie besteht für ihn in der Verbindung aus Realität und Vergangenheit: Alles Photographierte war zu dem Zeitpunkt der Herstellung da und wurde in seinem Dasein festgehalten. Die Photographie des Dagewesenen verweist sowohl auf sein Vorhandensein als auch auf seine Vergänglichkeit, da seit dem Vorgang des Photographierens Zeit vergangen ist und erst die Photographie selbst den Betrachter auf diesen Umstand aufmerksam macht. Der abgebildete Gegenstand ist im Jetzt der Betrachtung nicht mehr im selben Zustand wie zum Zeitpunkt der Abbildung. An dieser Stelle kann man sich die Frage stellen, ob es die Photographie überhaupt vermag, einen Gegenstand oder eine Person in ihrer Realität darzustellen. Schon die Begrifflichkeiten Darstellung und Abbildung verweisen auf eine Differenz zwischen realer Person/Gegenstand und Bildinhalt. Der Photographie als Zeichnung des Lichts sind eine Vielzahl von Vermittlungsprozessen vorangestellt. Angefangen mit dem Ausschnitt, welcher bewusst durch den Photographen gewählt wird und welcher durch diese Wahl gleichsam eine Zäsur darstellt; jeder Bildrand verweist in gleicherweise auf seinen Inhalt wie auf den ausgesparten Bereich – das Off des Bildes. Hinzu kommt die Auswahl der Verschlusszeit, der Blende, die Setzung des Lichts oder die bewusste Positionierung der Person/des Gegenstandes in eine bestimmte Lichtsituation. Auch wenn dem Gegenstand/der Person zum Zeitpunkt der Ablichtung Realität zugesprochen werden kann, so ist doch das Abgebildete im Moment des Entstehens schon jeder Realität enthoben, da als Bildinhalt durch den Photographen konstruiert. Das Vorhaben, eine Person in ihrer Authentizität photographisch abzulichten, ist zum Scheitern verurteilt, da schon der Prozess selbst einen vehementen Eingriff in eben diese Echtheit der Person darstellt. Insofern stimme ich Barthes zu: Die Photographie hat das Subjekt zum Objekt gemacht. Darin sehe ich aber überhaupt kein Problem – eher im Gegenteil: Genau diese Fähigkeit der Photographie macht sie in meinen Augen zur Kunst.

Jeder Blick eines Künstlers in die Welt stellt eine Objektivierung da – ob nun in Form von Literatur, bildender Kunst oder eben Photographie. Velásquez Hoffräuleinblick über den Bildrand hinaus verweist uns auf die ganz natürliche Bewegung eines jeden Künstlers, sich die Welt zu eigen zu machen – das Kunstwerk wird modelliert aus den je eigenen Eindrücken, Empfindungen, Vorstellungen des Kreators. So subjektiv das Endprodukt, das Kunstwerk auch erscheinen mag – denn der Künstler zeigt uns die Welt, so wie er selbst sie sieht oder sehen will – so darf man bei der Betrachtung eines Kunstwerkes ebenso wenig beim Künstler stehen bleiben, wie Barthes den Leser lehrte, nicht beim Autor eines Textes zu verweilen. Es obliegt nun dem Willen des Betrachters, das Kunstwerk mit Bedeutung anzureichern, welche über den tatsächlich gegebenen Bildinhalt hinaus weist.

Auch der Photograph zeichnet dem Betrachter seine Vorstellung der Welt mittels Licht, Ausschnitt, Einstellung. Das photographische Bild zeigt uns keine Person, keinen Gegenstand, keine Welt, sondern die je eigene künstlerische Interpretation dessen – letztlich nur das, was der Photograph gesehen hat oder was der Photograph sehen will, ebenso wie ein Maler die Welt so malt, wie sie ihm erscheint. Es ist nun die Aufgabe des Betrachters, sich von der Vorstellung frei zu machen, er hätte es bei der Photographie mit der schlichten Ablichtung von Realität zutun, um sich der inneren sinnlich-intellektuellen Bewegtheit zu öffnen und den Prozess der künstlerischen Identifikation zu starten. Wie auch die Brillo-Boxen von Andy Warhol nicht die originalen Verpackungskisten der Marke Brillo sind, so ist auch die Photographie nicht die Abbildung von Welt, sondern durch den narrativen Blick des Photographen überzeichnete, konstruierte Welt und dadurch offen für Betrachtung und Interpretation. Dem voran geht die Erkenntnis, dass vermittelt durch den Blick des Photographen das Subjekt zum Objekt geworden ist, gleichsam der Bewegung des grenzüberschreitenden Blicks des Malers. Erst die Tatsache, dass sich der Betrachter selbst als Objekt der Photographie wahrnimmt, öffnet ihm dem Weg, die Photographie als Kunst wahrnehmen und interpretieren zu können. Man könnte sagen: Die Geburt der Photographie ist zu bezahlen mit dem Tod der Realität.

von Sarah Berger

Wir sind Zeit

Sarah Berger


Über die Kunst und die Künstler – also mich.

Dann ist man als Künstler immer irgendwo dazwischen – immer irgendwo zwischen dem, was antreibt – dieser inneren Kraft, die sich nach Außen gestaltend auswirkt … und dem Boden der Tatsachen – wie man so schön sagt – nicht? Also der simplen Frage: Wie bezahle ich meine Miete? In der heute gängigen Metaphorik wird Zeit als Investitionsgut angesehen – als Kapital, welches man in sich oder in Projekte stecken kann – in die Vorstellungen der eigenen Zukunft oder ins Jetzt des schnellen Geldbeschaffens. Unterm Strich bleibt Vergangenheit – das Gestern der getroffenen Entscheidungen. Was habe ich mit meiner Zeit angefangen?

Irgendwann in der Historie meiner Person habe ich Philosophie studiert – aber so richtig warm bin ich damit nie geworden – sagt sich ja leicht im identitätsstiftenden Rückblick, wenn ich mir selbst die Frage stelle, ob ich mich nun als Akademikerin oder als Künstlerin definieren möchte. Und weil mir das immer ein wenig zu abstrakt war, weil mir beim Spiel um die Weisheit immer ein wenig das Haptische gefehlt hat, das Moment, in welchem diese wunderschönen Gedankenspiele in die Lebensrealität reflektieren, hab ich angefangen, sie in Gefühlen zu denken, in kleinen sensiblen Momenten, wie sie manchmal passieren, wenn man sich einem Gemälde nähert – oder in einem Gedicht versinkt.

Aber als Künstler ist man immer irgendwie in sich – nicht? Man muss das Innerste ganz nach Außen tragen, um es an der Oberfläche des Selbst wirken zu lassen – sich ein mal kräftig durch wringen und nach Möglichkeit alle Schranken fallen lassen – Selbstüberwindung nennt das Nietzsche. Ich nenne das: Monolog. Denn noch passiert recht wenig. Ich sehe mich gespiegelt in meinen eigenen Texten – in meinen eigenen Bildern – im Tesserakt meiner selbst unendlich gespiegelt. Nicht umsonst wirft man dem Künstler gerne Narzissmus vor. Anders geht es auch gar nicht. Aber vielleicht hat man ja einen Gegenstand geschaffen, der es vermag einen – und wenn es nur ein einziger ist – einen Betrachter auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht hat man einen Gegenstand geschaffen, der es vermag, das Andere, das außerhalb des Selbst in den Blick zu nehmen und zwar im Sinne der Kantischen sinnlich-intelektuellen inneren Bewegtheit – eine affektierte Berührung, welche die Interferenz von Einbildungskraft und Verstand ins Rollen bringt. Vielleicht schafft es mein Überwindungsmonolog in einen Dialog zu treten – mit der Welt, mit dem Anderen, mit Dir.

Dann kommt es mir recht sinnlos vor, meinen Text nicht auf einen Blog zu stellen oder nicht einfach mal Ausschau zu halten nach Gleichgesinnten, um zu sehen, was man so gemeinsam bewegen kann.

Ben Egger


Über das Vergehen – also mich.

Ich glaube, dass die Kunst der Zeit nähersteht als der Mensch. Wann haben wir denn Zeit? Wir eilen zwischen den Projekten – immer dabei: ein Gerät, das uns glauben lässt, wir könnten die Zeit ein-teilen. Immer dabei: die Uhr, die uns glauben lässt, wir könnten über die Zeit verfügen. Und dann ist jeder Blick nach der Zeit ein verzweifelter – wo ist sie nur geblieben? Zeit ist immer abwesend. Andernfalls könnten wir sie formen. Wir könnten ihr ein Gesicht geben, sie angrinsen, wenn sie gütig ist oder ihr die Ohren langziehen, wenn sie uns im Stich lässt. Zugegeben, Zeit ist ein komplexes Thema. Zeit ist mehr als der Wunsch, sich in der Welt zurecht zu finden. Zeit ist mehr als die Panik vor dem Ende. Zeit ist mehr als das Tick, Tick, Tick. Zeit ist, dass wir sind. Doch zu fragen, wer wir sind– Ist dies nicht der Punkt? Ist die Zeit nicht genauso vielschichtig wie Menschen auf der Welt?

Für Kunst ist Zeit. Unser auf Linearität zentriertes Bewusstsein ist störanfällig. Die Kunst kann das beweisen. Die Kunst kann uns mittels eigenwilliger Zeitstrukturen herausfordern, das Nacheinander hinter sich zu lassen. Das ist gut. Die Art, wie ich Zeit und Raum – sie bedingen einander – wahrnehme, kann mir etwas über mein Verständnis von der Struktur der Welt erzählen. Während wir noch darüber nachdenken, wie wir die Zeit für uns gewinnen können, wie wir Zeit gewinnen können, wetzt die Kunst schon die Messer und schneidet dort in das unteilbare Kontinuum, wo es drängt. Zeit ist a priori vorhanden. Zeit stellt den Inhalt meiner Erlebnisse. Zeit setzt dann aus. Ich setze aus. Der Blick gilt nur noch dem Objekt. Nie ist meine Wahrnehmung so präzis. Kunst kann meine Wahrnehmung von der Welt erhellen.

Kunst. Das kann so einfach sein. Ein simples Portrait. Wie es mir jeden Tag begegnet. Auf Ausweisen. Überall muss ich mich aus-weisen – die Verlängerung meines Körpers ins Papier vorzeigen. Das ist Identität. Aber ich stehe doch vor Ihnen. Auf dem Papier bin ich schon längst nicht mehr. Doch wenn mich der eindringlichste Blick in Gefangenschaft nimmt. Wenn er trifft. Dann bleibe ich. Dann habe ich Zeit. Mich zu fragen, wann die Aufnahme entstanden ist. Wie lang hat es gedauert? Eine Stunde für die Ewigkeit des Materials. Und ich ver-gehe. Es handelt sich bei dieser Performance um eine ganz menschliche Bewegungsfolge. Eine Bewegungsfolge, die sich mir schon im Kindesalter ins Unbewusste eingeschrieben hat. Doch das Beharren auf jede einzelne Bewegung – jede Phrase ist von existenzieller Bedeutung. Die Ernsthaftigkeit, mit der die Bewegung ihrer alltäglichen Bedeutung entzogen wird. Diese Intensität ist es. Und die absolute Monotonität des Prozesses. Sie strapaziert meinen Willen zur Betrachtung ins Unermessliche – dann wird Zeit körperlich, im Kampf um die Aufmerksamkeit. Jede Sekunde mehr steht für den sich steigernden Verbrauch von physischer und psychischer Energie. Bis ins Unerträgliche verstärkt sich dann mein Zeiterleben.

Zeit ist die Erfahrung von Wirklichkeit. Kunst ist die Produktion von Wirklichkeit.

Am Ende ist es ein Versuch – ES WIRD ZEIT – die Künste zusammenzubringen. Uns wach zu machen für den Moment. Die verschiedenen Perspektiven auf Zeit zu bündeln und dann zu sezieren. Um der Wirklichkeit ins Auge zu blicken. Denn sie ist nie näher.

Irgendwas mit Zeit

Als mir mein Vater eine Uhr geschenkt hat, habe ich mich darüber gefreut. Die Uhr ist ein Schmuckstück, ein schickes Accessoire um das Outfit ein wenig auf zu peppen. Nur leider trage ich keinen Schmuck. Aber alle sieben Jahre, so sagt man, haben sich alle Körperzellen ein mal ausgetauscht – wurden durch neue ersetzt – der Geschmack ändert sich, Ehen werden geschieden usw. – also alle sieben Jahre ändert sich etwas – in einem selbst … und vielleicht trage ich jetzt ja Schmuck und vielleicht trage ich jetzt auch eine Uhr. Ich trage die Uhr. Sie schlackert an meinem Handgelenk – die sind zugegeben recht dünn. Da rollt sie hin und her. Über ein Jahrzehnt ist vergangen, dass ich das letze Mal eine Uhr getragen hatte. Ich suche nach der Zeit. Die Zeiger sind dünn, es gibt keine Zahlen – man muss das Ziffernblatt gewissermaßen im Kopf haben, um die Zeit zu lesen. Uhren werden ja immer mit der Uhrzeit 10:10 fotografiert – in der Werbung. Das ist die schönste Zeit. Jetzt ist 21:53 Uhr – auch eine schöne Zeit. Die Uhr schlackert. Es ist ein ungewöhnliches Gefühl. Und irgendwie liegt mir die Zeit ganz schwer am Handgelenk und ein wenig irritiert es mich, die Uhrzeit zu spüren und jedes Mal, wenn mich das metallene Armband berührt, nötigt es mich, einen kurzen Blick auf den schmalen Kopf zu werfen und die Zeiger sind wieder einen Moment weiter gewandert und gleich ist es 22:10 und das ist die schönste Zeit. Und während dieses Ding meinen Arm immer weiter zu Boden zieht, frage ich mich, was sich verändert hat – zwischen mir und der Zeit, jetzt wo wir uns endlich mal so nah sind – wo es ihr ganz leicht fällt, meine Aufmerksamkeit zu ergattern – es ist ja nur eine sanfte Berührung und ich will mein Handgelenk immer zu schütteln – irgendwie will es nicht mehr so recht passen. Da ist es wieder – der Blick auf die Uhrzeit – 22:04 Uhr. Jetzt ist schon 22:06 – ich habe zu lange nachgedacht – oder was? Ich weiß nicht, was ich in diesen zwei Minuten eigentlich gemacht habe. Vielleicht stehe ich auf, drehe eine Runde – schüttle das Handgelenk aber irgendwie … das Gefühl bleibt und es ist 22:07 – also, wieder weiß ich nicht – seltsam oder – und ich spüre das Metall und der Sekundenzeiger – ich dachte immer, eine Sekunde ist einmal die Zahl dreiundzwanzig aussprechen aber wenn ich den Sekundenzeiger so betrachte, scheint er mir viel schneller zu gehen und plötzlich passiert er den nördlichsten Punkt – 22:08 Uhr. Lass das doch mal – will ich dem Ding sagen – also lass das doch mal – lass mich doch einfach mal einen Moment innehalten und darüber nachdenken, wie es sich anfühlt, dich an meinem – 22:09 – okay – danke. Also wie es sich anfühlt, dich an meinem Handgelenk zu spüren und dass du immer – ja – immer wieder auf dich aufmerksam machst, als hätte ich nichts besseres zu tun, als immer zu zu wissen, wie – 22:10 Uhr – na endlich – eine schöne Zeit – ein hübsch gedehnter Winkel – gespannte Zeiger – bleib so – nur einen Moment lang, will die schöne Zeit genießen, wie sie mich anlächelt … aber da ist es – du bist schon wieder weiter gelaufen – 22:11 Uhr. Na gut. Wenn du unbedingt willst.

Sarah Berger