Es wird Zeit – hoch hinaus.

Back in time! Mit unserem dritten Plakat und tollen Neuigkeiten – denn für unsere Ausstellung haben wir endlich einen Raum und einen Termin gefunden. Merkt euch schon mal das erste Juliwochenende vor – denn: Es wird Zeit – hoch hinaus!

Design: Stefan Ringelschwandtner | Photo: Sarah Berger | Art Direktion: Benjamin Egger

ES WIRD ZEIT - UND SEIN.

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siebzehnminuten

 

Ich? Also ich – ich kann mich nicht sehen. Ich bin extrovertiert und in introvertiert zugleich. Ich bin chaotisch, gewissenhaft, seltsam, verrückt, hilfsbereit, nachdenklich, verschlossen, herzlich, unbeholfen, spontan, langsam, zynisch, treu, freundlich, interessiert, verträumt, süß, unscheinbar, unruhig, hingebungsvoll, wertlos, melancholisch, abenteuerlustig, unhöflich, abwesend, narzisstisch, aufgerieben, zurückhaltend, perfektionistisch, verfressen, einsam, träge, demütig, ordentlich, hingebungsvoll, getrieben, leidenschaftlich, hungernd, agil, tolpatschig, bestimmend, reinlich, liebevoll, mutig, nett, gut, seiend, durchtrieben, hoffnungsvoll, zielstrebig, traurig, handlich, bewegt, harmoniebedürftig, unsicher, kreativ, durcheinander, langweilig, aufmerksam … Ich bin, was du aus mir machst.

Siebzehnminuten ist ein Langportrait – es misst die Zeit, die wir nicht haben, um uns gänzlich auf eine Person einzulassen.

 


Ein Beitrag von Sarah Berger

Das Vergehen der Zeit

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Ein Gastbeitrag von Michael Bärnthaler – Vielen Dank

Zeitsparender Text über Zeit

I

Zeitliche Dauer kann durch eine Zahl angegeben werden: 29. Ein Bezugsrahmen ist gegeben, wenn ich hinzufüge, dass es Jahre sind. Ich bin 29 Jahre alt. Man versteht jetzt, was ich sagen will. Wir existieren bekanntlich in Zeit und Raum – und müssen Zeit und Raum messen, um uns in Zeit und Raum zu orientieren. Wir können uns auch eine ganz verträumte Existenz vorstellen, die sich nur intuitiv in Zeit und Raum orientiert, aber so sind wir nicht. Grundeinheit der Zeit im internationalen Einheitensystem ist 1 Sekunde (Einheitenzeichen s), das Formelzeichen t. Wir orientieren uns schon auch intuitiv in Zeit und Raum, aber nicht nur. Was gemessen ist, was 29 ist, kann mit anderem, das auch gemessen ist, gleichgesetzt werden: 18 + 11 = 29. Das könnte man so interpretieren: 18 Jahre Minderjährigkeit und 11 Jahre Volljährigkeit ergeben 29 Jahre Leben. Man könnte es freilich auch anders interpretieren.

II

Eine Zeitspanne von etwa drei Sekunden erleben wir als jeweilige Gegenwart, auf die sich das Wort „jetzt“ bezieht. JETZT (1, 2, 3 …). Usw. Wir erreichen niemals ein absolutes Jetzt. Ein absolutes Jetzt stünde außerhalb der Zeit, es wäre ein fixer Punkt, zugleich in der Zeit und außerhalb der Zeit, seltsam verwandt der Ewigkeit … Zeit ist kontinuierlich. (Unterhalb der Planck-Zeit, die das kleinstmögliche Zeitintervall beschreibt, für das die bekannten Gesetze der Physik gelten, würde Zeit in diskreten Sprüngen ablaufen. Ein Objekt, das einen Vorgang kürzer als in Planck-Zeit durchmacht, wird zu einer Singularität. Es beruhigt uns, das wir damit nichts zu tun haben … Wir leben im Augenblick. Zeit ist kontinuierlich.)

III

Zeit ist Geld. Diejenige Zeit, die nicht gemessen ist, entspricht einem wertvollen Objekt. Die gemessene Zeit entspricht einer Summe Geld; denn beides kann durch eine Zahl angegeben werden: 29. Ein Bezugsrahmen ist gegeben, wenn ich hinzufüge, dass es Euro sind. Ich habe 29 Euro. Man versteht jetzt, was ich sagen will. Ich tausche die 29 Euro gegen Bier und mache mir eine schöne Zeit. Ich kann zwar nicht wirklich Zeit kaufen; denn Zeit vergeht nur. Aber ich kann über Geld steuern, wie ich und andere Menschen die Zeit verbringen, ich kann also „Zeit für …“ kaufen. Gemessene Zeit wird über finanzielle Operationen gesteuert, weltweit, von vielen Akteuren, die auf komplizierte und schöne Weise interagieren. Es ist wie ein Tanz … Und, wie lange hat es gedauert, diesen Text zu lesen?


Ein Gastbeitrag von Michael Bärnthaler Vielen Dank

Es wird Zeit für mehr als eine Zeit

Das Stroboskop macht es schwer die Tanzfläche zu sehen und dennoch: Hier sind eine große Anzahl Körper, die sich zu bewegen scheinen. Die Bewegung selbst, wohlgemerkt, nehme ich nicht wahr, nur die veränderten körperlichen Konfigurationen, die vermutlich durch Bewegung erreicht wurden. Dunkel. Hell. Dunkel. Hell. Dunkel. Hell. Eine Hand über dem Kopf. Zwei Haarsträhnen, die durch die Luft wirbeln. Ein Blick. Ein Lächeln. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals.

Das Stroboskop kann als ein Bild für unsere normale Kalenderzeit gelesen werden: Sie zerschneidet Bewegungen in standardisierte Einheiten – Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden, Sekundenbruchteile – , in denen etwas passiert. Wie die meisten Normalisierungen wird sie damit tatsächlichen Bewegungen, wirklichen Entwicklungen kaum gerecht. Sie erzeugt durch ihre Zerschneidung interessante Artefakte, macht aber das Wesen von Entwicklungen unzugänglicher. Die Signifikanz von Dynamiken, die im Takt mit dieser Zeit laufen, scheinen uns bedeutsamer, weil leichter zu sehen, als jene, die diesem Ordnungsschema zuwider laufen. Ein prägnantes Beispiel dafür ist der Verkehr. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass sich jeder Zeit eine nicht vorhersagbare Menge von Akteuren auf den Straßen der Welt zwischen unserem Ausgangspunkt und unserem Ziel befindet. Im Verlauf unserer Reise könnte es zu allerlei Zwischenfällen kommen: Es könnte einen Stau geben, es könnte die Straße aber auch leer sein, es könnte vorübergehende Verstopfungen oder Stop-And-Go-Verkehr geben. Wir stehen im Stau, schauen auf die Uhr und stellen fest: Rush Hour. Das macht die Verkehrssituation signifkant. Alle andere Verkehrszustände wirken demgegenüber zufällig. Oder: Wir stehen im Stau, schauen auf die Uhr und stellen fest: In 15 Minuten schaffen wir es keinesfalls mehr zu einem vereinbarten Treffen. Eine Fahrt von A nach B könnte man sich anstatt von einer normalisierenden Zeit auch von einer Skala der Intensität her denken: Dort wo mehr Akteure aufeinander treffen und sich beeinflussen, dort wo die größere Dynamik auftritt, würden wir von erhöhter Intensität sprechen. Plötzlich wäre jede Verkettung von Bedeutung: Jedes Zusammentreffen wäre plötzlich nach den durch uns gemachten Annahmen signifikant. Je mehr Berührungen, je mehr Bewegungen initiiert werden, desto signifikanter. Wir stehen im Stau und schauen auf unser Intensometer: Ja, es ist sehr signifikant gerade.

An Entwicklungen interessiert uns deren Signifikanz. Daraus setzen wir die Geschichten der Welt zusammen. Wir unterscheiden zwischen signifikanten und nicht signifikanten Ereignissen, weil sich darin die Struktur der Welt zeigt. Was wir für signifikant halten, ist dabei natürlich Geschmackssache. Signifikanz ist immer ein hineininterpretiertes Merkmal. Es ist aber nicht beliebig. Signifikanz erfordert Plausibilität. Doch leider scheint es auch unendlich viele Möglichkeiten zu geben Plausibilität herzustellen. Die Wissenschaft, die sich mit signifikanten Entwicklungen beschäftigt, ist die Geschichte. Ihr Name weist dabei auf den bemerkenswerten Umstand hin, dass sie einst antrat eine normalisierte Erzählung signifikanter Entwicklungen zu geben. Der Name der Disziplin ist Geschichte, nicht Geschichten. Ihrem Anspruch nach ist sie also ein paradoxes Unterfangen: Wie kann sie eine einzelne Geschichte über die Welt erzählen, in der doch unendlich viele Intensitäten gleichzeitig auftreten, in denen die Signifikanz derer überhaupt erst noch ausgehandelt werden muss, in der die Plausibilität dessen, was wir für signifikant halten auf unterschiedlichstem Wege produziert werden kann? Wie kann aus dieser Multiplizität wieder ein Strang werden? Gehen wir zurück zur Ausgangsszene: Ich stehe auf der Tanzfläche und sehe fremde Augen meinen Blick suchen, sehe das Lächeln: Wie lang hielten wir Augenkontakt? Galt das Lächeln wirklich mir? Ich weiß es nicht. Dieser Moment des Nichtwissens ist jeder Moment der Geschichte. Oder anders ausgedrückt: Es bleibt eine Frage der Interpretation, ob diese beiden Momente überhaupt etwas miteinander zu tun hatten, ob, wenn dem denn so ist, sie mehr bedeuteten als ihre Flüchtigkeit nahelegen sollte und meine Hoffnung nicht glauben möchte. Es ist also eine Frage der Plausibilität, die im Raum steht und so oder so beantwortet werden kann und an diesem Abend in ähnlichen Konstellationen von anderen häufig so oder so beantwortet wird. Mit anderen Worten ist selbst das, was uns das Intensometer sagt nicht eindeutig, oder: Sowohl die Uhr, die unsere Normalzeit angibt, als auch ein spezifisch kalibriertes und konstruiertes Intensometer zerschneidet die Kontinuität der Welt.

Ich denke, dass das trotzdem kein Grund ist, die Hände in den Schoß zu legen. Im Verlauf des Blogposts war mehrmals von der Kontinuität der Welt die Rede. Um dieser gerecht zu werden, müssen wir lediglich gründlicher vorangehen. Zuerst einmal: Jegliches hat seine Zeit. Damit meine ich nicht, dass jeder Entwicklung, jedem Akteur ein bestimmtes Intervall Normalzeit zusteht, sondern, dass jedem Akteur eine eigene Konzeption von Zeit zugrunde liegt, die sich auch ändern kann. Wenn es um das Nachvollziehen von Entwicklungen geht, dann müssen wir einfach nur jedem Akteur zugestehen unterschiedlich zu ticken. Anders gesagt müssen wir davon ausgehen, dass das was einen Akteur ticken macht,


what makes them tick

,wie es im Englischen so schön heißt, sich ändern kann. Und noch einmal anders: Wir können die Entscheidung nach welchem Prinzip sich ein Akteur in der Welt temporal verhält, die Welt temporal wahrnimmt und auf sie temporal reagiert nicht


a priori

bestimmen. Erinnern wir uns noch einmal an die Ausgangsszene wird z.B. klar, dass nicht das Stroboskoplicht die Menschen zum Tanzen bringt, sondern die Musik ist es, die den Takt angibt. Sie bringt auch das Stroboskop dazu in spezifischer Weise zu flackern. Alles ändert sich, wenn die Musik fehlt. Alles ändert sich erneut, wenn dazu auch noch das Stroboskop fehlt.

Eine letzte Bewegung ist jetzt noch nötig um Kontinuität zu ermöglichen: Wie verhalten sich Akteure überhaupt zueinander, wenn alle doch einer eigenen Zeit folgen? Die Antwort lautet: In der Bildung von Ketten. Denn selbstverständlich hat beispielsweise die Normalzeit gehörigen Einfluss auf uns. Insofern wäre das eingangs Gesagte etwas zu relativieren. Die Normalzeit (oder jede andere Zeit) macht Entwicklungen nicht eigentlich unzugänglicher, sondern lediglich aus dieser Perspektive zugänglich. Die Einschränkung besteht also in der Unmöglichkeit einer universellen Perspektive. Dafür kann aber die Normalzeit nichts. Entscheidender ist, dass es andere Zeiten gibt. Bei dieser Normalzeit jedenfalls, handelt es sich um eine Übereinkunft nach der wir, zumindest grob – aber immerhin! -, über Entwicklungen sprechen können und tatsächlich auch ständig sprechen. Wenn wir uns also vergegenwärtigen, dass der Stau gerade zur Rush Hour stattfindet, dann verändert sich der relative Gesichtspunkt unter dem wir die Entwicklung bewerten. Ein anderes Beispiel ist, wie Menschen gemeinsam zur Musik tanzen und sich so, könnte man sagen, an die Musik ketten. Mischformen aus verschiedenen Zeitregimen, oder besser: gleichzeitig wirkenden Zeiten, sind selbstredend vorstellbar: Mag sein, dass ich den Club um halb sieben verlassen will, weil ich weiß, dass, wenn ich bei mir im Kiez bin, der Bäcker um die Ecke aufmacht und ich gerne frühstücken möchte. Gleichzeitig tanze ich trotzdem immer noch im Takt der Musik. Gleichzeitig nehme ich immer noch im Flackern des Stroboskops Nachbilder von Bewegungen wahr. Gleichzeitig ist da immer noch die Möglichkeit und ein Hoffen und eine bleibende Unklarheit. Und bald ist da ein Kuss. Und dann ist halb sieben so egal wie der Takt der Musik und all die Nachbilder und die Plausibilität ihrer Reihenfolge. Und dann ist was zählt, keine Zahl und keine externe Zeit mehr, sondern die private Zeit zwischen uns, die wir für plausibel halten, die uns verbindet. Und dann schlägt mein Herz.


Ein Gastbeitrag von Martin Hähnel – vielen Dank.

Es wird Zeit – und sein.

ES WIRD ZEIT - UND SEIN.

 

Design: Stefan Ringelschwandtner | Photo: Sarah Berger | Art Direktion: Benjamin Egger

 

An dieser Stelle sollte jetzt ein kreativer Bezug auf Heidegger stehen. Aber es fehlt mir gerade an der Zeit … und an der Kreativität. Außerdem denke ich, dass Bilder auch mal ruhig für sich stehen sollen.

 

Dennoch will ich alle Leser zu unserer ersten ES WIRD ZEIT Veranstaltung einladen. Am 23.01. veranstalten wir eine offene Lesebühne in der WetkStadt Neukölln (Berlin, Emserstraße 124). Wir hoffen auf viel zeitgenössische Literatur, Proa, Lyrik, Eassy … komm einfach vorbei!

Die Liste ist offen – eine Voranmeldung ist nicht nötig.

 

Wir freuen uns auf Euch!

Sarah&Ben

Blinde Flecken

Ein Hörstück. Ausstrahlung in der Sendung Zeitfragen vom 23.12.2014 auf Deutschlandradio Kultur

 

Szene I:

B: Zum jetzigen Zeitpunkt ist klar: Wir lieben Kuchen.

A: Ja, Sie haben recht: Wir lieben Kunst.

A: Es geht Ihnen immer um die Anderen.

B: Haben Sie den Kuchen mitgebracht?

A: So richtig will es nicht passen – wir kommen heute nicht mehr zusammen.

A: Und generell gesprochen: Ihre Socken passen nicht zum Teppich.

B: Haben Sie jetzt Kuchen mitgebracht oder nicht?

A: Ich meine die Muster – die passen nicht so richtig zusammen.

B: Ob Sie Kuchen mitgebracht haben, frage ich Sie.

A: Ich verstehe Sie nicht – ich dachte, wir kommen heute zu einem Ergebnis.

B: Sie haben den Leuten ins Gesicht gesagt, dass Sie Kuchen mitbringen – und Sie haben es nicht getan.

 

Szene II:

A: Ich will Tänzer sein. Ich meine diese Art Mensch, der es erlaubt ist, narzisstisch zu sein. Man steht ja über den Dingen. Aber mal ehrlich: Wer belächelt denn nicht Männer in engen Hosen, die über die Bühne schweben?

B: Das ist in der Praxis nur schwer umsetzbar. Dir fehlen die physischen Fertigkeiten.

A: Ich will Rhetoriker sein. Einer dieser Menschen, die komplexe Floskeln unters Volk bringen.

B: Dafür fehlt es aktuell an den optimalen Rahmenbedingungen. Und die anderen Kinder sind doch schon viel weiter.

A: Ich will Maler sein. Mir schwebt ein Beruf vor, der nicht als Beruf anerkannt ist. Ich möchte meinen Lebensunterhalt mit Leidenschaft bestreiten. Ich möchte Avantgarde sein, der geschärfte Schatten vergangener Kunst.

B: Diese Leistung wirst du nie erbringen können. Dieser Frustration wollen wir dich nicht aussetzen.

A: Ich will Langzeitstudent sein. Ich möchte erst Germanistik studieren. Dann Mathematik, weil die Geisteswissenschaft, das ist ja nichts. Und schließlich doch eine Ausbildung machen.

B: Zusätzliche Betreuungsprogramme–

A: Ich will– (sein).

 

Szene III

Rauschendes Stimmengewirr:

Wer ist das? Was will er? Warum setzt sie sich hin? Wer ist das? Wenn der hier rein kommt, dann muss er aber auch was trinken! Was will sie? Setz dich doch endlich mal hin! Stehe nicht so blöd rum! Das wird man doch wohl mal sagen dürfen. Da hinten ist doch noch Platz – hinten neben der Tür zu den Toiletten. Warum setzt er sich nicht? Was steht er da rum? Wenn der hier rein will, dann muss er aber auch mal was bestellen. Also hier ist aber auch nicht Platz für jeden. Diese vielen neuen Gäste sind wirklich ein Problem. Jetzt setz dich doch mal! Der will doch nur an den guten Kaffee. Setz dich! Stehe nicht so blöd rum! Was will sie hier? Kommt jetzt wirklich jeder in dieses Café? Lassen die jetzt jeden hier rein? Wer ist das? Hier ist doch gar nicht genug Platz für jeden! Wer ist das? Ist hier überhaupt noch genug Platz? Jetzt setz dich doch mal! Jetzt bestell doch mal was! Die will doch nur den guten Kaffee abstauben. Trinkt sie jetzt was oder nicht? Die versteht doch unsere Kaffeekultur gar nicht. Setzt er sich?

A:

Von außen sieht es gemütlich aus, die Scheiben leuchten auf die Straße – warmes helles Licht und gemütliche Sessel – es kommt mir vor, als könnte man sich hier wohlfühlen. Die Türklinke fühlt sich kühl an, aber die Tür lässt sich leicht aufdrücken. Es riecht ganz wunderbar nach Kaffee und warmen Apfelkuchen – es scheint voll zu sein – wo setze ich mich hin? Vorne an der Bar sieht es irgendwie– aber ich mag es nicht, wenn mir die Beine in der Luft hängen. Vielleicht setze ich mich an den Tisch am Fenster, aber ich bin allein und der Tisch ist groß – das wirkt vielleicht komisch. Ich will nicht den besten Platz für mich allein haben – aber sonst scheint mir kein Platz mehr frei zu sein – wo sind denn die Toiletten? Kann ich zuerst auf die Toilette gehen, bevor–? Wie bestellt man überhaupt? Muss ich an die Bar gehen? Oder kann ich mich einfach setzen?

 


Text&Sprecher: Sarah Berger, Ben Egger

Sounddesign: Lorenz Erdmann

Moderator: Johannes Nichelmann

Ich habe noch nie an den Zeitstrahl geglaubt

Im Jahr 2013 kaufte ich aus irgendwelchen Gründen die „ZEIT“. Beigelegt war ein Gewinnspiel oder eine Umfrage. Unter den Teilnehmenden wurden folgende Gewinne verlost:

  • 4 mal Zeit, gratis und frei Haus
  • limitierte Zeituhr (Herren-Modell, Damen-Modell)
  • exklusive Zeitreise für 2 Personen

Manchmal ärgere ich mich, dass ich nicht teilgenommen habe. Zwar besitze ich Zeit schon, genau so viel, wie ich mir für etwas nehme, und eine Uhr habe ich auch (Damen-Modell). Die allerdings nutze ich nur, wenn ich in Kontakt mit anderen trete, also meine Zeit mit der ihren abgleichen muss.

Das hat mich schon immer stutzig gemacht. Meine Zeit – ihre Zeit? Gibt es denn mehr als eine Zeit? Und welche ist die „richtige“, die einem bei Verabredungen sagt, wann man pünktlich ist bzw. wann man mit einem Riesen-Anschiss rechnen muss?

Ich habe noch nie an den Zeitstrahl geglaubt. Aus taktischen Gründen verschwieg ich mein Misstrauen in wichtigen Prüfungen, obwohl sich gerade in solchen Prüfungen die Unzulänglichkeit der Vorstellung vom kontinuierlich ablaufenden Zeitstrahl offenbart. Zu Anfang nämlich ist die Zeit zähflüssig, überlang, und wird nie vergehen. Gegen Ende wird sie auf einmal schnell, knapp, flüchtig. Zeit ist für mich nichts anderes als ein Konstrukt.

Eine Art Geh-Hilfe für Millionen von Menschen auf der Welt, die auf dem Weg zu wichtigen Verhandlungen sind und ohne einheitliche Zeit(-rechnung) nicht zurecht kommen würden. Aber ist diese offizielle Zeit auch meine? Und wenn ja, welche? Dieselbe, die vergeht, wenn ich chatte, zumal mit jemandem, der in Hongkong wohnt, also in einer ganz anderen Zeitzone? Die Zeit in einem Film, der für mich als Zuschauer aus dramaturgischen Gründen bestimmte Zeitabschnitte dehnt oder rafft oder überspringt?

Überhaupt – Kunst und Zeit. Literatur zum Beispiel entwickelt sich in der Zeit. Weil Lesen nun einmal Zeit braucht, das ist die, welche mir mein Damenmodell anzeigt. Darüber hinaus jedoch gibt es hier noch eine zweite Ebene von Zeit: die Zeit IN der Literatur, in der Geschichte, die ich gerade lese. Und es gibt eine dritte, die, welche ich glaube, mit Lesen verbracht zu haben. Je spannender das Buch, desto größer das anschließende Staunen über die Diskrepanz zwischen offizieller Zeitrechnung und meiner gefühlten, meiner eigenen Zeit.

Besonders interessant wird das Ganze, wenn es sich im Internet abspielt. Denn hier ist Zeit noch vielschichtiger. Hier können wir – ganz anders als in einem herkömmlichen Roman – nach Belieben springen. Scrollen, Klicken, Escape, Enter, Fenster / Tab öffnen, nacheinander, oder auch gleichzeitig… Und wer selber bloggt, wird die neue Qualität des Veröffentlichens schätzen gelernt haben. Inhalte sind nicht mehr fixiert wie z.B. in einem Buch. Man kann sie nachträglich ändern und sogar die Spuren der Änderung beseitigen, wenn einem daran liegt. Was ist noch Original, was Kopie? Und was eigentlich ist daran so wichtig, ob dies oder jenes zuerst da war?

Unglaubliche Möglichkeiten. Wenn man diese Möglichkeiten nutzen möchte, kann man eine neue Art von Freiheit erleben. Auch in Bezug auf Zeit. Weil wir Zeit nun gestalten können – jeder mit Internetzugang kann das. Jeder der Millionen (Milliarden?) Internetnutzer hat seine eigene Zeit.

Das muss man sich erst mal vorstellen.

Nur eines können wir immer noch nicht. Real in der Zeit reisen. Zum Beispiel kann ich in meinem Blog keinen Eintrag von morgen schreiben. Ich kann schummeln und einen FÜR morgen schreiben, mit der Option, ihn erst morgen zu veröffentlichen. Dann kann ich die entsprechenden Einstellungen tätigen und mir einen Tag frei nehmen. Aber das ist eben nur geschummelt, wie alle Literatur.

Leider ist der Einsendeschluss für das oben genannte Gewinnspiel lange vorbei. Die Zeitreise hätte mich interessiert.


Vielen Dank für den Gastbeitrag von Sus Rawitz.

lässt sich die zeit überschreiben

lässt zeit sich überschreiben
wie das hirn
lässt sich das hirn überschreiben

übermalen bedecken bedenken
ist die zeit überhaupt und wenn ist sie das zugpferd oder die schleppe des hirns
vielleicht gibt es eine statische zeit oder gibt es sie fließend oder ist die fließende in der statischen ist der raum in der bewegung wie der staub in der schleppe oder ist die schleppe der staub
oder anders:

ich kann mich nicht auf die zeit konzentrieren

meine gedanken sind überall verstreut in der zeit. manchmal fallen sie wie staub (aha) unter die zeit, so scheint es, aber nie fällt die zeit unter den staub. das mitderzeitgehen ist ein nebensichstehen.
bestenfalls. es wird zeit.
kann zeit werden?

vielleicht ist die zeit eine wunde, die nicht heilen will. vielleicht weiß sie nicht, dass sie muss, sie steht dahingehend unter ständiger beobachtung. sie geht dahin. und weiß es nicht. vielleicht ignoriert sie es gekonnt.
oder anders:

wenn die zeit staub ansetzt und jede bewegung durch sie hindurch eine schwere schleppe hinter sich herwirbelt, eine schleppe, die nicht zum altar getragen werden möchte, nicht einmal zum staub.

oder der bahnhof:
dort treffen züge wie zeiten aufeinander, zähleinheit ‚gleis‘. das sind die statischen zeiten. in ihr bewegt sich die fließende zeit in form von flink, schleich, spitz, tippel, breit, hack, catwalk, a- und o- und lang- und kurzbein, wandersohle, barfuß, liegen, sitzen, stehen, trinken, atem atem atem … hauch … staub
der bahnhof beschreibt die zeit am besten, weil er sie nicht zu fassen bekommt, aber ehrlich damit umgeht. der bahnhof ist kein betrachter am rande der zeit, er ist mitten unter, mitten über, mitten in ihr.

oder so:
27. februar 2011

wenn die sekunden auseinanderbrechen weil dein auge der absicht nicht folgen kann sondern auf überraschungen lauer von links geschnitten von rechts geschnit von vorn weil dein auge springen muss um der absicht noch folgen zu könn weil dein auge springen mu und dein gang weil die sekunden so groß werden die aneinanderbrechen in dieser
enge<//
die dir angst macht weil dein auge die absicht verliert und fortwähr springt und dein gang springt und die  sekunden aneinander wie die stücksekunden die bruchsekunden die winzigen haarrisssekunden die noch winzigeren haarrisszwischensekunden die dich auseinander
stauben

 


Ein Gastbeitrag von Sebastian von Roehlek.