Es wird Zeit für mehr als eine Zeit

Das Stroboskop macht es schwer die Tanzfläche zu sehen und dennoch: Hier sind eine große Anzahl Körper, die sich zu bewegen scheinen. Die Bewegung selbst, wohlgemerkt, nehme ich nicht wahr, nur die veränderten körperlichen Konfigurationen, die vermutlich durch Bewegung erreicht wurden. Dunkel. Hell. Dunkel. Hell. Dunkel. Hell. Eine Hand über dem Kopf. Zwei Haarsträhnen, die durch die Luft wirbeln. Ein Blick. Ein Lächeln. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals.

Das Stroboskop kann als ein Bild für unsere normale Kalenderzeit gelesen werden: Sie zerschneidet Bewegungen in standardisierte Einheiten – Jahre, Monate, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden, Sekundenbruchteile – , in denen etwas passiert. Wie die meisten Normalisierungen wird sie damit tatsächlichen Bewegungen, wirklichen Entwicklungen kaum gerecht. Sie erzeugt durch ihre Zerschneidung interessante Artefakte, macht aber das Wesen von Entwicklungen unzugänglicher. Die Signifikanz von Dynamiken, die im Takt mit dieser Zeit laufen, scheinen uns bedeutsamer, weil leichter zu sehen, als jene, die diesem Ordnungsschema zuwider laufen. Ein prägnantes Beispiel dafür ist der Verkehr. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass sich jeder Zeit eine nicht vorhersagbare Menge von Akteuren auf den Straßen der Welt zwischen unserem Ausgangspunkt und unserem Ziel befindet. Im Verlauf unserer Reise könnte es zu allerlei Zwischenfällen kommen: Es könnte einen Stau geben, es könnte die Straße aber auch leer sein, es könnte vorübergehende Verstopfungen oder Stop-And-Go-Verkehr geben. Wir stehen im Stau, schauen auf die Uhr und stellen fest: Rush Hour. Das macht die Verkehrssituation signifkant. Alle andere Verkehrszustände wirken demgegenüber zufällig. Oder: Wir stehen im Stau, schauen auf die Uhr und stellen fest: In 15 Minuten schaffen wir es keinesfalls mehr zu einem vereinbarten Treffen. Eine Fahrt von A nach B könnte man sich anstatt von einer normalisierenden Zeit auch von einer Skala der Intensität her denken: Dort wo mehr Akteure aufeinander treffen und sich beeinflussen, dort wo die größere Dynamik auftritt, würden wir von erhöhter Intensität sprechen. Plötzlich wäre jede Verkettung von Bedeutung: Jedes Zusammentreffen wäre plötzlich nach den durch uns gemachten Annahmen signifikant. Je mehr Berührungen, je mehr Bewegungen initiiert werden, desto signifikanter. Wir stehen im Stau und schauen auf unser Intensometer: Ja, es ist sehr signifikant gerade.

An Entwicklungen interessiert uns deren Signifikanz. Daraus setzen wir die Geschichten der Welt zusammen. Wir unterscheiden zwischen signifikanten und nicht signifikanten Ereignissen, weil sich darin die Struktur der Welt zeigt. Was wir für signifikant halten, ist dabei natürlich Geschmackssache. Signifikanz ist immer ein hineininterpretiertes Merkmal. Es ist aber nicht beliebig. Signifikanz erfordert Plausibilität. Doch leider scheint es auch unendlich viele Möglichkeiten zu geben Plausibilität herzustellen. Die Wissenschaft, die sich mit signifikanten Entwicklungen beschäftigt, ist die Geschichte. Ihr Name weist dabei auf den bemerkenswerten Umstand hin, dass sie einst antrat eine normalisierte Erzählung signifikanter Entwicklungen zu geben. Der Name der Disziplin ist Geschichte, nicht Geschichten. Ihrem Anspruch nach ist sie also ein paradoxes Unterfangen: Wie kann sie eine einzelne Geschichte über die Welt erzählen, in der doch unendlich viele Intensitäten gleichzeitig auftreten, in denen die Signifikanz derer überhaupt erst noch ausgehandelt werden muss, in der die Plausibilität dessen, was wir für signifikant halten auf unterschiedlichstem Wege produziert werden kann? Wie kann aus dieser Multiplizität wieder ein Strang werden? Gehen wir zurück zur Ausgangsszene: Ich stehe auf der Tanzfläche und sehe fremde Augen meinen Blick suchen, sehe das Lächeln: Wie lang hielten wir Augenkontakt? Galt das Lächeln wirklich mir? Ich weiß es nicht. Dieser Moment des Nichtwissens ist jeder Moment der Geschichte. Oder anders ausgedrückt: Es bleibt eine Frage der Interpretation, ob diese beiden Momente überhaupt etwas miteinander zu tun hatten, ob, wenn dem denn so ist, sie mehr bedeuteten als ihre Flüchtigkeit nahelegen sollte und meine Hoffnung nicht glauben möchte. Es ist also eine Frage der Plausibilität, die im Raum steht und so oder so beantwortet werden kann und an diesem Abend in ähnlichen Konstellationen von anderen häufig so oder so beantwortet wird. Mit anderen Worten ist selbst das, was uns das Intensometer sagt nicht eindeutig, oder: Sowohl die Uhr, die unsere Normalzeit angibt, als auch ein spezifisch kalibriertes und konstruiertes Intensometer zerschneidet die Kontinuität der Welt.

Ich denke, dass das trotzdem kein Grund ist, die Hände in den Schoß zu legen. Im Verlauf des Blogposts war mehrmals von der Kontinuität der Welt die Rede. Um dieser gerecht zu werden, müssen wir lediglich gründlicher vorangehen. Zuerst einmal: Jegliches hat seine Zeit. Damit meine ich nicht, dass jeder Entwicklung, jedem Akteur ein bestimmtes Intervall Normalzeit zusteht, sondern, dass jedem Akteur eine eigene Konzeption von Zeit zugrunde liegt, die sich auch ändern kann. Wenn es um das Nachvollziehen von Entwicklungen geht, dann müssen wir einfach nur jedem Akteur zugestehen unterschiedlich zu ticken. Anders gesagt müssen wir davon ausgehen, dass das was einen Akteur ticken macht,


what makes them tick

,wie es im Englischen so schön heißt, sich ändern kann. Und noch einmal anders: Wir können die Entscheidung nach welchem Prinzip sich ein Akteur in der Welt temporal verhält, die Welt temporal wahrnimmt und auf sie temporal reagiert nicht


a priori

bestimmen. Erinnern wir uns noch einmal an die Ausgangsszene wird z.B. klar, dass nicht das Stroboskoplicht die Menschen zum Tanzen bringt, sondern die Musik ist es, die den Takt angibt. Sie bringt auch das Stroboskop dazu in spezifischer Weise zu flackern. Alles ändert sich, wenn die Musik fehlt. Alles ändert sich erneut, wenn dazu auch noch das Stroboskop fehlt.

Eine letzte Bewegung ist jetzt noch nötig um Kontinuität zu ermöglichen: Wie verhalten sich Akteure überhaupt zueinander, wenn alle doch einer eigenen Zeit folgen? Die Antwort lautet: In der Bildung von Ketten. Denn selbstverständlich hat beispielsweise die Normalzeit gehörigen Einfluss auf uns. Insofern wäre das eingangs Gesagte etwas zu relativieren. Die Normalzeit (oder jede andere Zeit) macht Entwicklungen nicht eigentlich unzugänglicher, sondern lediglich aus dieser Perspektive zugänglich. Die Einschränkung besteht also in der Unmöglichkeit einer universellen Perspektive. Dafür kann aber die Normalzeit nichts. Entscheidender ist, dass es andere Zeiten gibt. Bei dieser Normalzeit jedenfalls, handelt es sich um eine Übereinkunft nach der wir, zumindest grob – aber immerhin! -, über Entwicklungen sprechen können und tatsächlich auch ständig sprechen. Wenn wir uns also vergegenwärtigen, dass der Stau gerade zur Rush Hour stattfindet, dann verändert sich der relative Gesichtspunkt unter dem wir die Entwicklung bewerten. Ein anderes Beispiel ist, wie Menschen gemeinsam zur Musik tanzen und sich so, könnte man sagen, an die Musik ketten. Mischformen aus verschiedenen Zeitregimen, oder besser: gleichzeitig wirkenden Zeiten, sind selbstredend vorstellbar: Mag sein, dass ich den Club um halb sieben verlassen will, weil ich weiß, dass, wenn ich bei mir im Kiez bin, der Bäcker um die Ecke aufmacht und ich gerne frühstücken möchte. Gleichzeitig tanze ich trotzdem immer noch im Takt der Musik. Gleichzeitig nehme ich immer noch im Flackern des Stroboskops Nachbilder von Bewegungen wahr. Gleichzeitig ist da immer noch die Möglichkeit und ein Hoffen und eine bleibende Unklarheit. Und bald ist da ein Kuss. Und dann ist halb sieben so egal wie der Takt der Musik und all die Nachbilder und die Plausibilität ihrer Reihenfolge. Und dann ist was zählt, keine Zahl und keine externe Zeit mehr, sondern die private Zeit zwischen uns, die wir für plausibel halten, die uns verbindet. Und dann schlägt mein Herz.


Ein Gastbeitrag von Martin Hähnel – vielen Dank.

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