Ich habe noch nie an den Zeitstrahl geglaubt

Im Jahr 2013 kaufte ich aus irgendwelchen Gründen die „ZEIT“. Beigelegt war ein Gewinnspiel oder eine Umfrage. Unter den Teilnehmenden wurden folgende Gewinne verlost:

  • 4 mal Zeit, gratis und frei Haus
  • limitierte Zeituhr (Herren-Modell, Damen-Modell)
  • exklusive Zeitreise für 2 Personen

Manchmal ärgere ich mich, dass ich nicht teilgenommen habe. Zwar besitze ich Zeit schon, genau so viel, wie ich mir für etwas nehme, und eine Uhr habe ich auch (Damen-Modell). Die allerdings nutze ich nur, wenn ich in Kontakt mit anderen trete, also meine Zeit mit der ihren abgleichen muss.

Das hat mich schon immer stutzig gemacht. Meine Zeit – ihre Zeit? Gibt es denn mehr als eine Zeit? Und welche ist die „richtige“, die einem bei Verabredungen sagt, wann man pünktlich ist bzw. wann man mit einem Riesen-Anschiss rechnen muss?

Ich habe noch nie an den Zeitstrahl geglaubt. Aus taktischen Gründen verschwieg ich mein Misstrauen in wichtigen Prüfungen, obwohl sich gerade in solchen Prüfungen die Unzulänglichkeit der Vorstellung vom kontinuierlich ablaufenden Zeitstrahl offenbart. Zu Anfang nämlich ist die Zeit zähflüssig, überlang, und wird nie vergehen. Gegen Ende wird sie auf einmal schnell, knapp, flüchtig. Zeit ist für mich nichts anderes als ein Konstrukt.

Eine Art Geh-Hilfe für Millionen von Menschen auf der Welt, die auf dem Weg zu wichtigen Verhandlungen sind und ohne einheitliche Zeit(-rechnung) nicht zurecht kommen würden. Aber ist diese offizielle Zeit auch meine? Und wenn ja, welche? Dieselbe, die vergeht, wenn ich chatte, zumal mit jemandem, der in Hongkong wohnt, also in einer ganz anderen Zeitzone? Die Zeit in einem Film, der für mich als Zuschauer aus dramaturgischen Gründen bestimmte Zeitabschnitte dehnt oder rafft oder überspringt?

Überhaupt – Kunst und Zeit. Literatur zum Beispiel entwickelt sich in der Zeit. Weil Lesen nun einmal Zeit braucht, das ist die, welche mir mein Damenmodell anzeigt. Darüber hinaus jedoch gibt es hier noch eine zweite Ebene von Zeit: die Zeit IN der Literatur, in der Geschichte, die ich gerade lese. Und es gibt eine dritte, die, welche ich glaube, mit Lesen verbracht zu haben. Je spannender das Buch, desto größer das anschließende Staunen über die Diskrepanz zwischen offizieller Zeitrechnung und meiner gefühlten, meiner eigenen Zeit.

Besonders interessant wird das Ganze, wenn es sich im Internet abspielt. Denn hier ist Zeit noch vielschichtiger. Hier können wir – ganz anders als in einem herkömmlichen Roman – nach Belieben springen. Scrollen, Klicken, Escape, Enter, Fenster / Tab öffnen, nacheinander, oder auch gleichzeitig… Und wer selber bloggt, wird die neue Qualität des Veröffentlichens schätzen gelernt haben. Inhalte sind nicht mehr fixiert wie z.B. in einem Buch. Man kann sie nachträglich ändern und sogar die Spuren der Änderung beseitigen, wenn einem daran liegt. Was ist noch Original, was Kopie? Und was eigentlich ist daran so wichtig, ob dies oder jenes zuerst da war?

Unglaubliche Möglichkeiten. Wenn man diese Möglichkeiten nutzen möchte, kann man eine neue Art von Freiheit erleben. Auch in Bezug auf Zeit. Weil wir Zeit nun gestalten können – jeder mit Internetzugang kann das. Jeder der Millionen (Milliarden?) Internetnutzer hat seine eigene Zeit.

Das muss man sich erst mal vorstellen.

Nur eines können wir immer noch nicht. Real in der Zeit reisen. Zum Beispiel kann ich in meinem Blog keinen Eintrag von morgen schreiben. Ich kann schummeln und einen FÜR morgen schreiben, mit der Option, ihn erst morgen zu veröffentlichen. Dann kann ich die entsprechenden Einstellungen tätigen und mir einen Tag frei nehmen. Aber das ist eben nur geschummelt, wie alle Literatur.

Leider ist der Einsendeschluss für das oben genannte Gewinnspiel lange vorbei. Die Zeitreise hätte mich interessiert.


Vielen Dank für den Gastbeitrag von Sus Rawitz.

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