Was die Zeit uns Menschen ist

Die Zeit ist für Menschen elementar. Beständig ist sie den Menschen auf den Fersen und manchmal bemerken sie dies, aber meistens wird die Zeit einfach ignoriert. Mal behandeln die Menschen die Zeit, als gäbe es sie grenzenlos und mal, als wäre sie unersetzlich teuer. Beides ist kurzsichtig. Der Mensch ist ein vierdimensionales Wesen. Er denkt; und dies nicht nur bezogen auf das Hier und Jetzt, sondern er denkt auch vor und nach. Er plant zukünftige oder betrachtet vergangene Geschehnisse. Tatsächlich sind wir in Gedanken am meisten in der Zukunft oder der Vergangenheit. Befinden wir uns auf dem Weg zu irgendeinem Ereignis, das geschehen wird, so denken wir auf dem Weg dorthin an dieses, nicht aber daran, wie wir gerade laufen und wo wir eigentlich sind. Ist im Gegensatz dazu etwas in der Vergangenheit geschehen, besonders wenn wir es bereuen oder gut heißen mögen, also wenn es für uns Bedeutung hat, dann werden wir nicht müde es zu betrachten, bis uns die Gegenwart wieder einholt.

Die Vierdimensionalität ist bedingt durch eine hohe Sensibilität für kausale Abfolgen. Wir wissen dieses ist vor jenem geschehen, dann geschah dies und dann jenes. Wir befinden uns in dieser weiten Zeitspanne, die wir erleben. Wir rechnen nicht nur diesen Augenblick dazu, sondern noch etliche davor, die uns hierher gebracht haben. Wir wissen wo und weshalb wir hier sind und dieses ist eben die Zeit. Sie ist für uns Menschen diese kausale Abfolge.

Vierdimensional sein heisst leiden. Zu wissen, dass die Zukunft kommt und die Vergangenheit geschehen ist, zwingt uns ein in die Fesseln der rationalen Gründe und Kausalketten. Sie zwingt uns dazu, uns zu »verwirklichen«. Was auch immer diese Verwirklichung für das Individuum bedeuten mag – sie liegt in der Zukunft und hat ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Dass die Wurzeln in der Vergangenheit liegen, hat eine nicht unerhebliche Bedeutung. Wer wir sind, als was wir uns erstehen, hängt wesentlich von der Vergangenheit ab. Die Vergangenheit gilt als Hintergrund aus dem sich all unsere Eigenschaften speisen und unser zukünftiges Ideal der Verwirklichung liegt hinter einer unüberbrückbaren Distanz, die aus der Lücke zwischen dem aktuellen Ich als personifizierte Vergangenheit und der Verwirklichung besteht. Dabei gerät die existenzielle Tiefe unseres Daseins, die in verschiedenen Modi erfasst werden kann, häufig in Vergessenheit. Einer dieser Tiefen ist das Sein als pure Gegenwart, in welcher uns alles Seiende offenbar wird. Was den Menschen jedoch in all den verschiedenen Modi auszeichnet, ist der unüberwindliche Hang zur Ewigkeit, der sich auf vielen Ebenen des menschlichen Geistes bemerkbar macht, und der das Fundament für religiöse, spirituelle und philosophische Bestrebungen bildet.

Der Mensch ist also gespalten: er findet sich auf der einen Seite geworfen in die Vergänglichkeit dieser Welt und im Bewusstsein, dass jede seiner Verwirklichungen vorläufig ist und er niemals zu einem Abschluss, zu einem echten Höhepunkt kommen wird, nach dem hin er leben könnte, und auf der anderen Seite hängt sein denkender Geist immer an und in der Ewigkeit und es verlangt ihn nach Wahrhaftigkeit, nach Echtheit, nach Finalität. Die Zeit und mithin die Endgültigkeit des Todes umschattet uns Menschen unser Leben lang, geisterhaft schwebt die Zeit über unseren Köpfen und in den seltensten Momenten werden wir uns ihrer gewahr. Der Abschied ist ein solcher Augenblick. Der Abschied von einem Freund oder einer geliebten Person, der Abschied von einer schönen Zeit, die man hatte oder der Abschied von eigenen Überzeugungen; in all diesen Formen des Abschieds kommt eine tiefe Trauer zutage, die letztlich um die fehlende Finalität, um das fehlende Absolute kreist.

Doch wie kommt es, dass sich das Individuum in seinem Verwirklichungsprozess über die Vergangenheit definiert und die Vergänglichkeit (und damit die erwähnte existenzielle Tiefe, diese Ahnung von Ewigkeit) in Momenten des Abschieds so deutlich spürt? Warum bringt er das beides nicht in Zusammenhang? Normalerweise nimmt der Mensch die Abschiede hin und lebt weiter, als wäre nichts geschehen. In Wahrheit stürzt das den Menschen in ein großes Unglück, in eine weitere Spaltung, in welcher er verkennt, dass die Vergänglichkeit größere Realität besitzt als seine individuelle Verwirklichung. Der Mensch, der die Vergänglichkeit verkennt oder ignoriert, und ihrer nur in Momenten großer Sinnkrisen gewahr wird, läuft leicht Gefahr, unempfindlich für die existenzielle Tiefe zu werden und an seinem eigentlich Menschsein, in seinem ganzen Umfang, vorbeizuleben. Keiner kann das jedoch jemandem vorwerfen, denn der Hang zur existenziellen Tiefe setzt einen Drang zur Erkenntnis, eine Leidenschaft für die Erkenntnis voraus, die es überhaupt erst möglich macht, dass Erkenntnisse gewichtiger sein können, als individuelle Interessen.

Ich denke, sich der Zeit als kausale Abfolge ohne Gewahrsein zu übergeben, in den verschiedensten Ideen für die eigene Verwirklichung verfangen; darin kann es keine echte Freiheit geben, weil wir uns dann nur in Ketten von Ursache und Wirkung befinden. Wir befinden uns in Spaltung und Differenz, und dadurch können wir uns nicht mit uns selbst identifizieren. Freiheit von sich ist sichselbst-sein, was der Freiheit der individuellen Existenz gleichkommt. Und erst Freiheit ist die Grundlage für Transformation, sprich: individuelle Steigerung und damit für ein glückliches, geglücktes Leben und in der Breite auch: für eine bessere Welt.

Ein Gastbeitrag von Timotheus Böhme aka @_Nicht_Ich
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