Notizen über den Standpunkt Ende

Jakob K.

Ewiges über das Ewige, das hätten wir gerne gewusst: Als wir Kinder waren. Ein Kind wohnt in der Ewigkeit – das wissen schon alle. Kinder haben keine Ahnung, wortwörtlich, da Nichts-Wissen und Ewigkeit zueinander ganz gut passen (deswegen Gott usw.). Aus der Ewigkeit herauszutreten ist so gesehen kein Verfall: Und Ewiges über Ewiges gehört nicht zum Wissen; zu nichts gehört es. Aus der Ewigkeit herauszutreten, das führt vielmehr zur Zeit. Und alles für uns gehört zur Zeit. Darüber hinaus: Nicht mehr das Ewige über das Ewige dürfen wir wissen wollen. In der Zeit ein zeitliches Wissen, das ist uns alles, et sic in infinitum.

Vor Kurzem habe ich eine besonders schöne Textstelle gelesen, aus den posthum erschienenen Notizen eines Romans, der nie vollendet wurde: Der Greis von Italo Svevo. Folgendes wird erzählt: Ein alter Mann, ein Greis, kehrt nach einem Ausflug nach Hause zurück. Im Auto sitzt er mit seiner Ehefrau; es ist April, abends, beim Sonnenuntergang oder kurz danach. Er ist müde und schläft ein. Als sie in die Stadt anfahren, in Triest, hält ein Stadtpolizist das Auto auf. Der Greis wird dadurch geweckt. Beim Erwachen sieht er blitzartig eine junge Frau, die durch den Straßenverkehr vorwärtskommt. Er denkt, dass er sie vor der Gefahr der Situation warnen muss – derart läuft man nicht über die Straße; aber in der Tat will er bloß zwischen sich und der Jungen eine Beziehung, eine Art Kontakt herstellen. Er kennt sie nicht, aber plötzlich – doch!, erkennt er sie, und winkt ihr mit einem Lächeln. Schüchtern reagiert sie darauf, bevor sie ihren Weg geht. Die Ehefrau des alten Manns fragt, wer das Mädchen sei. Das fällt ihm nicht ein; er überlegt und beim Nachdenken kommt ihm ein Bild der Erinnerung in den Sinn: Sie sei die Tochter von Dondi, einem alten Freunds seines Vaters. Die Frau im Auto antwortet mit einem plötzlichen, lauten Lachen: Du musst dich irren, sagt sie, jene Tochter von Dondi muss genau so alt wie du sein. Stimmt, sagt er, ich habe nicht daran gedacht; ich habe vergessen alt zu sein.

Aber nein, das war nicht der pathologische Irrtum eines alten Geistes, so sagt sich der Greis: Im Gegenteil: Jene junge Frau, die Tochter von Dondi, ist mir tatsächlich nie so nah gewesen wie jetzt. In jenem Garten, wovon das Erinnerungsbild zeugt, beachtete ich sie kaum. Ich übersah ihre Anmut und ihre Unschuld, aber nun habe ich sie erreicht, auch wenn die Anderen gelacht haben, als sie uns zusammen gesehen haben. Jedoch ist sie endlich zu ihrem Platz gekommen, die Jugend ist zu ihrem Platz gekommen. Als er sich der geistigen Bewegung bewusst wird, formuliert er die Wahrheit dessen, was geschehen ist: »Mit sicherer und grausamer Genauigkeit treibt die Zeit ihre Verwüstungen, dann vergeht sie in einer beständig geordneten Prozession von Tagen, Monaten, Jahren, aber wenn sie so weit gekommen ist, dass sie sich unserer Sicht entzieht, hiernach tritt alles aus dem Glied: Jede Stunde sucht ihren Platz in irgendeinem verschiedenen Tag und jeder Tag in irgendeinem verschiedenen Jahr. Und somit wird ein gewisses Jahr in der Erinnerung wie ein einziger, sonniger Sommer und irgendein anderes Jahr ist vom Schauder der Kälte durchdrungen. Und kalt und allen Lichts beraubt ist das eine Jahr, in welchem man sich an nichts an seinem wahren Ort erinnert: Dreihundertfünfundsechzig Tage, jeder von vierundzwanzig Stunden, tot und verschwunden. Eine echte Hekatombe«.

Man muss erinnern und gedenken, muss schreiben, darf das Vergangene nicht aussterben lassen: Hier geht es nicht um das konservative Bewahren einer immer stehenden, verfügbaren Gegebenheit – weil es eine solche nicht gibt, oder zumindest gäbe es sie nur und allein im Fall ihrer Wiederbelebung –, sondern um ebendiese Wiederbelebung, sonst wird die Vergangenheit, die Lebensgeschichte, »kalt und allen Lichts beraubt«. Gleichermaßen geht es nicht um ein rein individuelles Erinnern, als ob es das gäbe: Durch die Wiederbelebung des Vergangenen in der Gegenwart wird die Gegenwart geändert und wer schreibt kommt zu der Formulierung eines nicht nur, nicht mehr individuellen Satzes, denn die Notwendigkeit des schöpfenden Erinnerns wird festgestellt, sobald das Werk geschrieben wird. Nur so kann das Vergangene vor dem Gemetzel gerettet werden. Aber diese Rettung besteht nicht aus dem Sprung in die Ewigkeit, aus der Auferstehung des Toten: Der Lebensabend ist die Stunde, so denkt der Greis, in der sich Mephistopheles manifestieren könnte und mir die Jugend (die ewige Jugend) anbieten würde; ich würde sie aber nicht annehmen, ich würde sie verächtlich ablehnen. Die Versuchung der Ewigkeit nach dem langen, zeitlichen Weg des Lebens will er nicht: Aber aus dem Standpunkt des Endes eines Weges, einer Geschichte, sich erinnernd die Vergangenheit erneut erscheinen zu lassen, das ist das Einzige, das gewollt werden darf – und etwas Neues dadurch zustande kommen zu lassen: das Werk.

Ich komme jetzt zum Schluss. Philosophieren wir somit über die Zeit? Nein, wir philosophieren nicht. Die Philosophie will Begriffe, während die Zeit nicht nach Darstellung fragt, jedenfalls nicht primär. Die Zeit strebt nach ihrer Vollendung, welche nicht die Ewigkeit ist. Man muss aus der Ewigkeit heraustreten. Diese nicht außerhalb der Zeit, sondern in ihr sich ereignende, endliche Bewegung vollendet die Zeit, ohne ins Ewige zu springen. Die Vollendung der Zeit ist nicht die Ewigkeit, sondern ein blitzartiges Moment, wenn die vergessene Lebensgeschichte zu einer neuen, jungen, präzisen Wahrheit kommt und zu sich, sich ändernd wiederkehrt. Dieselbe Bewegung kann, diesmal schon, dargestellt und produziert, gleichzeitig zum Thema gemacht und ins Werk gesetzt werden: Virginia Woolf, Zum Leuchtturm: »Rasch, als riefe von dort irgendetwas, kehrte sie zu ihrer Leinwand zurück. Da war es – ihr Bild. Ja, mit all seinem Grün und den Blaus, den aufwärts und quer verlaufenden Linien, seinem Versuch, etwas zu werden. Sie blickte auf die Stufen; sie waren leer; sie blickte auf ihre Leinwand; sie war verschwommen. Mit plötzlicher Zielstrebigkeit, als sehe sie sie einen Augenblick deutlich vor sich, zog sie dort eine Linie, in der Mitte. Es war vollbracht; es war vollendet. Ja, dachte sie, als sie in äußerster Erschöpfung den Pinsel niederlegte, ich habe sie gehabt, meine Vision«.

Ende.

Ein Gastbeitrag von Giacomo Croci
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