Tendenz Identitätskrise – eine Polemik

Jeden Morgen hoffe ich, als Käfer zu erwachen, und dann bin ich doch nur dieser komische Mensch, der ich jeden Morgen bin. Dabei ist die Hoffnung, von einem Moment zum nächsten ein Anderer zu sein – oder etwas anderes, gar nicht so unbegründet. Wann sind wir schon ein und der selbe? Etymologisch gesehen, bewegt sich der Begriff Identität zwischen lateinisch idem – Gleichheit und ipse – Selbstheit – also zwischen dem Moment des Sich-erkennenden-Selbst und der Erkenntnis gleichbleibend zu sein. Aufgrund dieser Dialektik stellt sich Paul Ricoeur die Frage, welches Verhältnis von Gleichheit und Selbstheit dem Begriff Lebensgeschichte zugrunde liegt – denn die Erfahrung der körperlichen und geistigen Veränderung in Zeit widerspricht der Annahme, eine Person wäre vom Beginn ihres Lebens bis hin zum Tode die selbe. Entwicklung nennen wir das – man entwickelt sich von einem Wesen ohne Welt zu einem Wesen mit Welt. Entwicklung bedeutet in diesem Fall Veränderung in einem zeitlichen Kontext und betont den Menschen als Prozess an sich selbst. Zwischen Kindheit und Erwachsenenalter impliziert dieser Prozess neben der Ausbildung eines Verstandes und dem Einordnen in das soziale Gefüge, vor allem die rein körperliche Entwicklung – das Wachsen. Aber irgendwann auf dieser Linie gen Himmel sind wir ausgewachsen – und dann? Dann beginnt die Arbeit am Selbst – ich arbeite an mir, an meiner Beziehung – ich definiere mich neu, um, anders, zurück. Ja – vor 10 Jahren war ich noch ganz ein anderer. Und wenn wir über uns selbst sprechen, dann tun wir das nicht nur rein physisch in Zeit, sondern auch semantisch, indem wir uns in Zeit verorten – in Zeitpunkten, Abläufen, zeitlichen Ausschnitten – morgen, gestern, vor Jahren und bald. Und während wir so über uns sprechen – über diese vielen kleinen Ichs geteilt und verteilt auf dieser hübsch geraden Zeitachse – viele kleine Ichs, die sich beständig wandeln – entwickeln wir uns weiter, und weiter, und weiter. Aber wann – wann nur sind wir ausentwickelt? Zu Ende entwickelt oder endet dieser Zustand des hartnäckigen Umbruchs nie? Ja … irgendwie hat Ricoeur Recht: Die Identität krankt an der Zeit. Da kommt es mir gar nicht mehr so unwahrscheinlich vor, eines Morgens als Käfer zu erwachen.

von Sarah Berger

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