Photographie und Zeitlichkeit – eine Betrachtung

„Die Photographie hat das Subjekt zum Objekt gemacht […]“ schreibt Roland Barthes 1980 in seinen Bemerkungen zur Photographie. Er bezieht sich auf das photographische Porträt, in welchem er sich als Subjekt wahrnimmt, welches sich „Objekt werden fühlt: ich erfahre dabei im kleinen das Ereignis des Todes. […] Denn die Photographie ist das Auftreten meiner selbst als eines anderen: eine durchtriebene Dissoziation des Bewusstseins von Identität.“ Das Wesen der Photographie besteht für ihn in der Verbindung aus Realität und Vergangenheit: Alles Photographierte war zu dem Zeitpunkt der Herstellung da und wurde in seinem Dasein festgehalten. Die Photographie des Dagewesenen verweist sowohl auf sein Vorhandensein als auch auf seine Vergänglichkeit, da seit dem Vorgang des Photographierens Zeit vergangen ist und erst die Photographie selbst den Betrachter auf diesen Umstand aufmerksam macht. Der abgebildete Gegenstand ist im Jetzt der Betrachtung nicht mehr im selben Zustand wie zum Zeitpunkt der Abbildung. An dieser Stelle kann man sich die Frage stellen, ob es die Photographie überhaupt vermag, einen Gegenstand oder eine Person in ihrer Realität darzustellen. Schon die Begrifflichkeiten Darstellung und Abbildung verweisen auf eine Differenz zwischen realer Person/Gegenstand und Bildinhalt. Der Photographie als Zeichnung des Lichts sind eine Vielzahl von Vermittlungsprozessen vorangestellt. Angefangen mit dem Ausschnitt, welcher bewusst durch den Photographen gewählt wird und welcher durch diese Wahl gleichsam eine Zäsur darstellt; jeder Bildrand verweist in gleicherweise auf seinen Inhalt wie auf den ausgesparten Bereich – das Off des Bildes. Hinzu kommt die Auswahl der Verschlusszeit, der Blende, die Setzung des Lichts oder die bewusste Positionierung der Person/des Gegenstandes in eine bestimmte Lichtsituation. Auch wenn dem Gegenstand/der Person zum Zeitpunkt der Ablichtung Realität zugesprochen werden kann, so ist doch das Abgebildete im Moment des Entstehens schon jeder Realität enthoben, da als Bildinhalt durch den Photographen konstruiert. Das Vorhaben, eine Person in ihrer Authentizität photographisch abzulichten, ist zum Scheitern verurteilt, da schon der Prozess selbst einen vehementen Eingriff in eben diese Echtheit der Person darstellt. Insofern stimme ich Barthes zu: Die Photographie hat das Subjekt zum Objekt gemacht. Darin sehe ich aber überhaupt kein Problem – eher im Gegenteil: Genau diese Fähigkeit der Photographie macht sie in meinen Augen zur Kunst.

Jeder Blick eines Künstlers in die Welt stellt eine Objektivierung da – ob nun in Form von Literatur, bildender Kunst oder eben Photographie. Velásquez Hoffräuleinblick über den Bildrand hinaus verweist uns auf die ganz natürliche Bewegung eines jeden Künstlers, sich die Welt zu eigen zu machen – das Kunstwerk wird modelliert aus den je eigenen Eindrücken, Empfindungen, Vorstellungen des Kreators. So subjektiv das Endprodukt, das Kunstwerk auch erscheinen mag – denn der Künstler zeigt uns die Welt, so wie er selbst sie sieht oder sehen will – so darf man bei der Betrachtung eines Kunstwerkes ebenso wenig beim Künstler stehen bleiben, wie Barthes den Leser lehrte, nicht beim Autor eines Textes zu verweilen. Es obliegt nun dem Willen des Betrachters, das Kunstwerk mit Bedeutung anzureichern, welche über den tatsächlich gegebenen Bildinhalt hinaus weist.

Auch der Photograph zeichnet dem Betrachter seine Vorstellung der Welt mittels Licht, Ausschnitt, Einstellung. Das photographische Bild zeigt uns keine Person, keinen Gegenstand, keine Welt, sondern die je eigene künstlerische Interpretation dessen – letztlich nur das, was der Photograph gesehen hat oder was der Photograph sehen will, ebenso wie ein Maler die Welt so malt, wie sie ihm erscheint. Es ist nun die Aufgabe des Betrachters, sich von der Vorstellung frei zu machen, er hätte es bei der Photographie mit der schlichten Ablichtung von Realität zutun, um sich der inneren sinnlich-intellektuellen Bewegtheit zu öffnen und den Prozess der künstlerischen Identifikation zu starten. Wie auch die Brillo-Boxen von Andy Warhol nicht die originalen Verpackungskisten der Marke Brillo sind, so ist auch die Photographie nicht die Abbildung von Welt, sondern durch den narrativen Blick des Photographen überzeichnete, konstruierte Welt und dadurch offen für Betrachtung und Interpretation. Dem voran geht die Erkenntnis, dass vermittelt durch den Blick des Photographen das Subjekt zum Objekt geworden ist, gleichsam der Bewegung des grenzüberschreitenden Blicks des Malers. Erst die Tatsache, dass sich der Betrachter selbst als Objekt der Photographie wahrnimmt, öffnet ihm dem Weg, die Photographie als Kunst wahrnehmen und interpretieren zu können. Man könnte sagen: Die Geburt der Photographie ist zu bezahlen mit dem Tod der Realität.

von Sarah Berger

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