Wir sind Zeit

Sarah Berger


Über die Kunst und die Künstler – also mich.

Dann ist man als Künstler immer irgendwo dazwischen – immer irgendwo zwischen dem, was antreibt – dieser inneren Kraft, die sich nach Außen gestaltend auswirkt … und dem Boden der Tatsachen – wie man so schön sagt – nicht? Also der simplen Frage: Wie bezahle ich meine Miete? In der heute gängigen Metaphorik wird Zeit als Investitionsgut angesehen – als Kapital, welches man in sich oder in Projekte stecken kann – in die Vorstellungen der eigenen Zukunft oder ins Jetzt des schnellen Geldbeschaffens. Unterm Strich bleibt Vergangenheit – das Gestern der getroffenen Entscheidungen. Was habe ich mit meiner Zeit angefangen?

Irgendwann in der Historie meiner Person habe ich Philosophie studiert – aber so richtig warm bin ich damit nie geworden – sagt sich ja leicht im identitätsstiftenden Rückblick, wenn ich mir selbst die Frage stelle, ob ich mich nun als Akademikerin oder als Künstlerin definieren möchte. Und weil mir das immer ein wenig zu abstrakt war, weil mir beim Spiel um die Weisheit immer ein wenig das Haptische gefehlt hat, das Moment, in welchem diese wunderschönen Gedankenspiele in die Lebensrealität reflektieren, hab ich angefangen, sie in Gefühlen zu denken, in kleinen sensiblen Momenten, wie sie manchmal passieren, wenn man sich einem Gemälde nähert – oder in einem Gedicht versinkt.

Aber als Künstler ist man immer irgendwie in sich – nicht? Man muss das Innerste ganz nach Außen tragen, um es an der Oberfläche des Selbst wirken zu lassen – sich ein mal kräftig durch wringen und nach Möglichkeit alle Schranken fallen lassen – Selbstüberwindung nennt das Nietzsche. Ich nenne das: Monolog. Denn noch passiert recht wenig. Ich sehe mich gespiegelt in meinen eigenen Texten – in meinen eigenen Bildern – im Tesserakt meiner selbst unendlich gespiegelt. Nicht umsonst wirft man dem Künstler gerne Narzissmus vor. Anders geht es auch gar nicht. Aber vielleicht hat man ja einen Gegenstand geschaffen, der es vermag einen – und wenn es nur ein einziger ist – einen Betrachter auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht hat man einen Gegenstand geschaffen, der es vermag, das Andere, das außerhalb des Selbst in den Blick zu nehmen und zwar im Sinne der Kantischen sinnlich-intelektuellen inneren Bewegtheit – eine affektierte Berührung, welche die Interferenz von Einbildungskraft und Verstand ins Rollen bringt. Vielleicht schafft es mein Überwindungsmonolog in einen Dialog zu treten – mit der Welt, mit dem Anderen, mit Dir.

Dann kommt es mir recht sinnlos vor, meinen Text nicht auf einen Blog zu stellen oder nicht einfach mal Ausschau zu halten nach Gleichgesinnten, um zu sehen, was man so gemeinsam bewegen kann.

Ben Egger


Über das Vergehen – also mich.

Ich glaube, dass die Kunst der Zeit nähersteht als der Mensch. Wann haben wir denn Zeit? Wir eilen zwischen den Projekten – immer dabei: ein Gerät, das uns glauben lässt, wir könnten die Zeit ein-teilen. Immer dabei: die Uhr, die uns glauben lässt, wir könnten über die Zeit verfügen. Und dann ist jeder Blick nach der Zeit ein verzweifelter – wo ist sie nur geblieben? Zeit ist immer abwesend. Andernfalls könnten wir sie formen. Wir könnten ihr ein Gesicht geben, sie angrinsen, wenn sie gütig ist oder ihr die Ohren langziehen, wenn sie uns im Stich lässt. Zugegeben, Zeit ist ein komplexes Thema. Zeit ist mehr als der Wunsch, sich in der Welt zurecht zu finden. Zeit ist mehr als die Panik vor dem Ende. Zeit ist mehr als das Tick, Tick, Tick. Zeit ist, dass wir sind. Doch zu fragen, wer wir sind– Ist dies nicht der Punkt? Ist die Zeit nicht genauso vielschichtig wie Menschen auf der Welt?

Für Kunst ist Zeit. Unser auf Linearität zentriertes Bewusstsein ist störanfällig. Die Kunst kann das beweisen. Die Kunst kann uns mittels eigenwilliger Zeitstrukturen herausfordern, das Nacheinander hinter sich zu lassen. Das ist gut. Die Art, wie ich Zeit und Raum – sie bedingen einander – wahrnehme, kann mir etwas über mein Verständnis von der Struktur der Welt erzählen. Während wir noch darüber nachdenken, wie wir die Zeit für uns gewinnen können, wie wir Zeit gewinnen können, wetzt die Kunst schon die Messer und schneidet dort in das unteilbare Kontinuum, wo es drängt. Zeit ist a priori vorhanden. Zeit stellt den Inhalt meiner Erlebnisse. Zeit setzt dann aus. Ich setze aus. Der Blick gilt nur noch dem Objekt. Nie ist meine Wahrnehmung so präzis. Kunst kann meine Wahrnehmung von der Welt erhellen.

Kunst. Das kann so einfach sein. Ein simples Portrait. Wie es mir jeden Tag begegnet. Auf Ausweisen. Überall muss ich mich aus-weisen – die Verlängerung meines Körpers ins Papier vorzeigen. Das ist Identität. Aber ich stehe doch vor Ihnen. Auf dem Papier bin ich schon längst nicht mehr. Doch wenn mich der eindringlichste Blick in Gefangenschaft nimmt. Wenn er trifft. Dann bleibe ich. Dann habe ich Zeit. Mich zu fragen, wann die Aufnahme entstanden ist. Wie lang hat es gedauert? Eine Stunde für die Ewigkeit des Materials. Und ich ver-gehe. Es handelt sich bei dieser Performance um eine ganz menschliche Bewegungsfolge. Eine Bewegungsfolge, die sich mir schon im Kindesalter ins Unbewusste eingeschrieben hat. Doch das Beharren auf jede einzelne Bewegung – jede Phrase ist von existenzieller Bedeutung. Die Ernsthaftigkeit, mit der die Bewegung ihrer alltäglichen Bedeutung entzogen wird. Diese Intensität ist es. Und die absolute Monotonität des Prozesses. Sie strapaziert meinen Willen zur Betrachtung ins Unermessliche – dann wird Zeit körperlich, im Kampf um die Aufmerksamkeit. Jede Sekunde mehr steht für den sich steigernden Verbrauch von physischer und psychischer Energie. Bis ins Unerträgliche verstärkt sich dann mein Zeiterleben.

Zeit ist die Erfahrung von Wirklichkeit. Kunst ist die Produktion von Wirklichkeit.

Am Ende ist es ein Versuch – ES WIRD ZEIT – die Künste zusammenzubringen. Uns wach zu machen für den Moment. Die verschiedenen Perspektiven auf Zeit zu bündeln und dann zu sezieren. Um der Wirklichkeit ins Auge zu blicken. Denn sie ist nie näher.

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