Irgendwas mit Zeit

Als mir mein Vater eine Uhr geschenkt hat, habe ich mich darüber gefreut. Die Uhr ist ein Schmuckstück, ein schickes Accessoire um das Outfit ein wenig auf zu peppen. Nur leider trage ich keinen Schmuck. Aber alle sieben Jahre, so sagt man, haben sich alle Körperzellen ein mal ausgetauscht – wurden durch neue ersetzt – der Geschmack ändert sich, Ehen werden geschieden usw. – also alle sieben Jahre ändert sich etwas – in einem selbst … und vielleicht trage ich jetzt ja Schmuck und vielleicht trage ich jetzt auch eine Uhr. Ich trage die Uhr. Sie schlackert an meinem Handgelenk – die sind zugegeben recht dünn. Da rollt sie hin und her. Über ein Jahrzehnt ist vergangen, dass ich das letze Mal eine Uhr getragen hatte. Ich suche nach der Zeit. Die Zeiger sind dünn, es gibt keine Zahlen – man muss das Ziffernblatt gewissermaßen im Kopf haben, um die Zeit zu lesen. Uhren werden ja immer mit der Uhrzeit 10:10 fotografiert – in der Werbung. Das ist die schönste Zeit. Jetzt ist 21:53 Uhr – auch eine schöne Zeit. Die Uhr schlackert. Es ist ein ungewöhnliches Gefühl. Und irgendwie liegt mir die Zeit ganz schwer am Handgelenk und ein wenig irritiert es mich, die Uhrzeit zu spüren und jedes Mal, wenn mich das metallene Armband berührt, nötigt es mich, einen kurzen Blick auf den schmalen Kopf zu werfen und die Zeiger sind wieder einen Moment weiter gewandert und gleich ist es 22:10 und das ist die schönste Zeit. Und während dieses Ding meinen Arm immer weiter zu Boden zieht, frage ich mich, was sich verändert hat – zwischen mir und der Zeit, jetzt wo wir uns endlich mal so nah sind – wo es ihr ganz leicht fällt, meine Aufmerksamkeit zu ergattern – es ist ja nur eine sanfte Berührung und ich will mein Handgelenk immer zu schütteln – irgendwie will es nicht mehr so recht passen. Da ist es wieder – der Blick auf die Uhrzeit – 22:04 Uhr. Jetzt ist schon 22:06 – ich habe zu lange nachgedacht – oder was? Ich weiß nicht, was ich in diesen zwei Minuten eigentlich gemacht habe. Vielleicht stehe ich auf, drehe eine Runde – schüttle das Handgelenk aber irgendwie … das Gefühl bleibt und es ist 22:07 – also, wieder weiß ich nicht – seltsam oder – und ich spüre das Metall und der Sekundenzeiger – ich dachte immer, eine Sekunde ist einmal die Zahl dreiundzwanzig aussprechen aber wenn ich den Sekundenzeiger so betrachte, scheint er mir viel schneller zu gehen und plötzlich passiert er den nördlichsten Punkt – 22:08 Uhr. Lass das doch mal – will ich dem Ding sagen – also lass das doch mal – lass mich doch einfach mal einen Moment innehalten und darüber nachdenken, wie es sich anfühlt, dich an meinem – 22:09 – okay – danke. Also wie es sich anfühlt, dich an meinem Handgelenk zu spüren und dass du immer – ja – immer wieder auf dich aufmerksam machst, als hätte ich nichts besseres zu tun, als immer zu zu wissen, wie – 22:10 Uhr – na endlich – eine schöne Zeit – ein hübsch gedehnter Winkel – gespannte Zeiger – bleib so – nur einen Moment lang, will die schöne Zeit genießen, wie sie mich anlächelt … aber da ist es – du bist schon wieder weiter gelaufen – 22:11 Uhr. Na gut. Wenn du unbedingt willst.

Sarah Berger

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2 Gedanken zu “Irgendwas mit Zeit

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